Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine Insolvenz bedeutet nicht zwangsläufig das Ende eines Unternehmens - wenn es überhaupt dazu kommen musste. Das ist eine der zentralen Aussagen der Experten, allesamt Wirtschaftsprüfer und Juristen, beim ersten Round-Table zu „Insolvenz und Sanierung“ im Pressehaus Stuttgart.
Es gibt Wege - man muss sie nur gehen wollen. André Simmack, Wirtschaftsprüfer bei der PKF Wulf Gruppe, bringt es auf den Punkt: „Wir sind oft die ersten, die mit einer Unternehmenskrise in Berührung kommen.“ Er nennt die Anzeichen: schlechte Zahlen, rückläufige Margen oder eine zu hohe Fremdkapitalquote - das alles deutet auf notwendige Veränderungen hin. Nicht immer sei der Unternehmer jedoch auch bereit, diese Zeichen auch als solche zu deuten. „Wir begleiten Firmen bei der Neuausrichtung, noch bevor es zu spät ist - oder wir versuchen es zumindest“, sagt der Experte.

Dass dieses„Versuchen“ häufig scheitert, liegt nicht selten daran, dass das Thema Unternehmenskrise in Deutschland ein Stigma trägt. Gunnar Müller-Henneberg, Insolvenzrechtler bei der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft, sagt: „Der Schritt, einen zusätzlichen Berater einzuschalten, ist für viele Unternehmer ein Eingeständnis des Scheiterns, und das braucht Mut.“ Dabei sei gerade dieser Schritt entscheidend. Wenn die Sanierung nicht gelingt, werde es teuer. „Der Gesetzgeber ist in Deutschland sehr streng“, ergänzt Dr. Sebastian Mielke, Insolvenzverwalter und Rechtsanwalt bei Menold Bezler. „Wenn ich überschuldet oder zahlungsunfähig bin, muss ich innerhalb weniger Tage reagieren, sonst droht die persönliche Haftung.“
Ein Thema, mit dem die Experten immer wieder konfrontiert werden, ist die fehlende Etablierung von Frühwarnsystemen, insbesondere im Mittelstand. Viele inhabergeführten Betriebe wachsen über Generationen, investieren in Technik und Personal - doch die Finanzabteilung bleibt klein. Controlling, Liquiditätsplanung und strategische Szenarien fehlen oft. „Ein einfacher Blick nach außen durch einen kritischen Wirtschaftsprüfer oder Berater kann schon viel bewirken“, sagt André Simmack. Doch häufig wird dieser Blick zu spät eingefordert, so lautet seine Erfahrung.
Gunnar Müller-Henneberg sieht in der zögerlichen Haltung der Unternehmer ein systemisches Problem: „In den USA ist eine Insolvenz kein Makel. In Deutschland ist sie das Aus.“ Genau das müsse sich ändern, denn nur wer früh gegensteuert, könne auch drastische Maßnahmen wie Personalabbau oder gar Betriebsschließung vermeiden. Auch die Politik sei hier in der Pflicht, sinnvolle Anreize zur Restrukturierung zu setzen, statt nur auf Strafen und Pflichten zu pochen.
Doch wann ist der richtige Zeitpunkt für Hilfe? Für viele Experten kommt dieser Moment lange vor dem Insolvenzantrag. „Wir sehen häufig, dass Unternehmen mit vollen Auftragsbüchern, aber ohne Liquidität kämpfen“, sagt Sebastian Mielke. Das Problem liegt meist nicht im Markt, sondern im Inneren: „Krisenbewältigung ist in Deutschland kein Management-Standard. Es fehlt an strategischer Schulung, an Tools zur Krisenfrüherkennung.“
Gleichzeitig ist die Insolvenz häufig auch ein sehr emotionales Thema. Viele Unternehmer, so berichten die Experten übereinstimmend, sind in der Phase der Krise überfordert, gefangen in alten Denkmustern oder blockiert durch Angst vor Kontrollverlust. Gunnar schildert: „Wir erleben Geschäftsführende, die rational wissen, dass es nicht mehr weitergeht - aber emotional einfach nicht loslassen können.“ Ein weiteres Problem: Die aktuelle wirtschaftliche Lage ist volatil. Während bundesweit Insolvenzzahlen eher stagnieren, zeigen sich in Baden-Württemberg deutliche Ausschläge. Zudem sind bestimmte Branchen besonders betroffen: Bauwirtschaft, Handel, Medizintechnik. „Im Handel brechen durch den Onlinehandel ganze Geschäftsmodelle weg“, sagt Sebastian Mielke. Hohe Mieten und sinkende Frequenz in Innenstädten verschärfen die Lage zusätzlich. Auch in der Bauwirtschaft sei der Druck enorm - gestiegene Zinsen, Kostenexplosionen, Fachkräftemangel.
„Mich hat überrascht, wie sehr auch die Medizintechnik unter Druck steht“, ergänzt André Simmack. EU-Vorgaben und kostspielige Zulassungen bringen selbst etablierte Unternehmen ins Straucheln. Viele dieser Fälle wären vermeidbar - mit frühzeitiger Neuausrichtung und klarem Blick auf die Zahlen. Am Ende trägt der Geschäftsführer Verantwortung nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für seine Mitarbeiter, Kunden und Gläubiger. „Ein Geschäftsführer, der aus Angst vor Imageverlust oder Kontrollabgabe zu spät handelt, riskiert weit mehr“, mahnt Sebastian Mielke.
Was bleibt, ist der Appell an die Unternehmer: Frühzeitig handeln, sich professionelle Hilfe holen, Transparenz wagen. Denn je eher die Probleme erkannt werden, desto größer sind die Chancen auf eine nachhaltige Sanierung. „Das ist kein Zeichen von Schwäche“, sagt Gunnar Müller-Henneberg, sondern von unternehmerischer Reife.“
Wer früh gegensteuert, kann Maßnahmen wie Personalabbau oder Betriebsschließung vermeiden. Auch die Politik ist in der Pflicht, sinnvolle Anreize zur Restrukturierung zu setzen.
Von Ingo Dalcolmo