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Was passiert, wenn der Mittelstand im Südwesten ins Wanken gerät?

Steigende Insolvenzen setzen dem wirtschaftsstarken Südwesten Deutschlands zu. Gerade im industriell geprägten Baden-Württemberg geraten immer mehr Betriebe ins Wanken. Was steckt hinter der Pleitewelle - und was bedeutet sie für das Rückgrat der deutschen Wirtschaft?

Was passiert, wenn der Mittelstand im Südwesten ins Wanken gerät?

Foto: Adobe Stock/handee

Die anhaltende Konjunkturflaute hat im Vorjahr die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland deutlich steigen lassen. Insofern kann aus der Statistik die Aktualität einer Debatte um den Themenkomplex „Insolvenz und Sanierung“ abgelesen werden (siehe dazu die Berichte zum Round Table auf den folgenden Seiten).

Schauen wir auf die Zahlen für die gesamte Bundesrepublik sowie für den Südwesten: Für den Dezember des Jahres 2024 verzeichnete das Statistische Bundesamt 13,8 Prozent mehr angemeldete Insolvenzverfahren als im Zeitraum des Jahres 2023. Im Gesamtjahr 2024 ergibt sich den Zahlen zufolge ein Anstieg um 16,8 Prozent gegenüber 2023. Die Verfahren fließen erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts in die Statistik ein, wie die Behörde betont. Der tatsächliche Zeitpunkt des Insolvenzantrags liege oft annähernd drei Monate davor. Im Oktober, für den endgültige Daten vorliegen, schnellten die Zahlen hoch: Demnach meldeten die Amtsgerichte 2012 beantragte Firmeninsolvenzen - 35,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Unternehmen aus der Region

Die Forderungen der Gläubiger lagen bei rund 3,8 Milliarden Euro, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr (1,6 Mrd. Euro). Die Unternehmensinsolvenzen erreichen demnach den höchsten Oktober-Stand seit zehn Jahren. Bezogen auf 10.000 Unternehmen gab es im Oktober 5,9 Firmeninsolvenzen, so die Statistiker, die meisten in den Branchen Verkehr und Lagerei, Bau und Gastgewerbe. Die Verbraucherpleiten stiegen um 10,8 Prozent auf 6237 Fälle.

Insolvenzwelle dürfte anschwellen

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnete demnach für das vergangene Jahr mit 22.400 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland. Das wäre der höchste Stand seit 2015. Im aktuell laufenden Jahr könnten die Zahlen demnach den Höchststand des Krisenjahres 2009 mit mehr als 32.000 Fällen erreichen. Die Liste der Probleme für Unternehmen ist lang: teure Energie, große Bürokratie, politische Unsicherheit, Konsumzurückhaltung bei Verbrauchern. Zudem seien Ausnahmeregeln ausgelaufen, mit denen der Staat versucht hatte, eine Pleitewelle in der Corona-Pandemie zu verhindern, hieß es weiter.

Umbruch in Schlüsselindustrien

Die steigenden Insolvenzzahlen seien ein klares Zeichen für den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft, heißt es vom Berufsverband der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID). Es gebe einen gleichzeitigen Umbruch in vielen Branchen und auch in Schlüsselindustrien. Dieser Umbruch werde 2025 anhalten, so die Prognose. Die Umstellung auf neue Energieträger und die Veränderung von Märkten seien gerade dort problematisch, wo teils über Jahrzehnte zu wenig in Zukunftsfähigkeit investiert worden sei.

Die Zahl der Firmeninsolvenzen in Baden-Württemberg war im Jahr 2024 um fast ein Drittel gestiegen und lag damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Nach Zahlen des Statistischen Landesamtes wurden bei den Amtsgerichten im Land im vergangenen Jahr 2445 Unternehmensinsolvenzen beantragt. Das waren 30,4 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. In ganz Deutschland nahm die Zahl der beantragten Firmeninsolvenzen dagegen nur um 22,4 Prozent zu. Bundesweit wurden insgesamt 21.812 Insolvenzverfahren eingeleitet.

Baugewerbe und Einzelhandel trifft es besonders hart

Die Pleitewelle erfasste vor allem zwei Bereiche: Unternehmen des Baugewerbes waren am stärksten betroffen. In Baden-Württemberg wurden hier im vergangenen Jahr insgesamt 439 Anträge gestellt. An zweiter Stelle folgte der Handel mit 356 Anträgen. Gegenüber dem Vorjahr war dies ein Plus von 35,4 Prozent. Von allen Handelsunternehmen traf es den Erhebungen zufolge den Einzelhandel besonders hart. Hier hatte sich die Anzahl der Insolvenzverfahren gegenüber dem Vorjahr von 88 auf insgesamt 166 Verfahren fast verdoppelt. Mindestens 22 500 Arbeitende waren betroffen. Je mehr Firmen aufgeben müssen, desto mehr Menschen bangen um ihre Zukunft. In Baden-Württemberg waren 22.564 Arbeitnehmende von der Zahlungsunfähigkeit ihres Unternehmens tangiert.

In der Praxis dürfte diese Zahl noch etwas höher sein, da häufig schon vor dem Start eines Insolvenzverfahrens Personal abgebaut wird.

Nur in Pforzheim, dem Enzkreis und Karlsruhe-Land ging die Zahl zurück

Setzt man die Lupe an und betrachtet die einzelnen Regierungsbezirke, ergab sich im Land ein sehr unterschiedliches Bild. Im Bereich des Regierungsbezirks Karlsruhe, zu dem auch Städte wie Heidelberg, Mannheim, Calw oder Freudenstadt gehören, lag die Zahl der Firmeninsolvenzen bei 28,4 Prozent; im Regierungsbezirk Stuttgart bei 35,4 Prozent.

30,4
Prozent mehr Insolvenzen...

... als im Vorjahr in Baden-Württemberg

In allen Städten und Landkreisen sah es ähnlich aus. Nur in Pforzheim gaben mit 33 Unternehmen 15 weniger auf als im Vorjahr. Im Enzkreis beantragten 31 (zuvor 38) Firmen die Eröffnung des Insolvenzverfahrens, und im Landkreis Karlsruhe waren es 83 (zu 85 im Vorjahr).

Mehr Geschäftsaufgaben gab es in Baden-Baden, wo sich 23 Unternehmen für zahlungsunfähig erklären mussten (2023 waren es noch 17 gewesen). In der Stadt Karlsruhe strebten 96 Unternehmen eine Insolvenz an (zu 75 im Jahr zuvor), in Rastatt waren es 32 (zu 25). Insgesamt waren in der Region Mittlerer Oberrhein 234 Unternehmen mit 1.881 Beschäftigten betroffen. Die Ursachen der Insolvenzen sind laut IHK-Präsident Wolfgang Grenke vielfältig: „Fehlende Inlandsnachfrage und immer komplexer werdende bürokratische Anforderungen, aber auch die Nachwirkungen der Corona-Pandemie sowie gestiegene Energiepreise und Zinsen“, nennt er als Gründe.

2024 wurden im Südwesten 1669 Insolvenzverfahren eröffnet. Mangels Masse seien 776 abgewiesen worden. Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger beliefen sich auf über vier Milliarden Euro.

Bei einem Insolvenzverfahren übernimmt ein Insolvenzverwalter die Geschäfte. Sein Hauptziel liegt darin, die Forderungen der Gläubiger weitgehend zu befriedigen. Dazu stehen verschiedene Mittel zur Verfügung: Er kann den Betrieb sanieren, Teile des Unternehmens verkaufen oder den Betrieb komplett zerschlagen. red/dpa