Ein Insolvenzantrag eröffnet Möglichkeiten, die in einem regulären Geschäftsbetrieb nicht oder nur schwer realisierbar wären. Da sind sich die Experten des Round Table zu „Insolvenz und Sanierung“ von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten einig. „Das Verfahren stabilisiert Unternehmen und schält den gesunden Kern heraus“, analysiert Gunnar Müller-Henneberg, Insolvenzrechtler bei der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft. Doch dafür benötigt es eine klare Strategie - und vor allem transparente Kommunikation.
„Die Lieferanten erkennen es ohnehin, wenn es in einem Unternehmen krankt“, sagt Dr. Sebastian Mielke, Insolvenzverwalter und Rechtsanwalt bei Menold Bezler. Deshalb sei es notwendig, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten und Kommunikationshoheit zu gewinnen. Das gelte ebenso gegenüber Mitarbeitern, Kunden sowie den Banken. Die Bereitschaft zur Kooperation steige, wenn das Unternehmen offenlegt, wie es sich sanieren will - und wenn es dabei einen Plan gibt.
Moderne Verfahren bieten eine Vielfalt an Optionen
Wer glaubt, das Insolvenzrecht sei ein rein gerichtlicher Vorgang mit dem Ziel der Abwicklung, irrt. Moderne Verfahren bieten Unternehmen vielfältige Optionen, um aktiv an ihrer Zukunft zu arbeiten. Besonders das sogenannte StaRUG (Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen) hat sich als schlankes, nicht öffentliches Verfahren etabliert. Es ist ein reines finanzwirtschaftliches Instrument“, erläutert Gunnar Müller-Henneberg.„Ideal, wenn es etwa um fällige Anleihen geht oder die Altlasten restrukturiert werden müssen.“
Auch die Eigenverwaltung wird zunehmend genutzt. Der Vorteil: Das Unternehmen bleibt handlungsfähig und kann die operative Sanierung selbst gestalten. „Für viele ist das eine enorme Chance“, sagt Sebastian Mielke.„Man braucht aber ein starkes Team und den Willen, wirklich umzustrukturieren.“
Ein häufiges Missverständnis ist die Gleichsetzung von Sanierung mit Stellenabbau. „Wenn wir frühgenug eingebunden werden, lässt sich das oft vermeiden“, betont André Simmack, Wirtschaftsprüfer bei der PKF Wulf Gruppe. Stattdessen werden Potenziale analysiert, neue Geschäftsmodelle angestoßen und operative Prozesse angepasst. „Sanierung heißt auch: ungenutzte Umsatzpotenziale heben und das Unternehmen neu denken.“
Unternehmenskrise wird zum emotionalen Ausnahmezustand
In der Praxis zeigen sich vielfältige Ansätze: Preisanpassungen auf Kundenseite, neue Lieferantenvereinbarungen oder ein gezieltes Downsizing, das im Insolvenzverfahren deutlich einfacher umzusetzen sei.„Es geht darum, am offenen Herzen zu operieren“, erläutert Sebastian Mielke die Vorgehensweise. „Aber wenn man es richtig macht, bleibt das Unternehmen am Leben - und das mit einer echten Zukunftsperspektive.“
Eine Unternehmenskrise ist nicht nur eine wirtschaftliche Herausforderung - sie ist auch ein emotionaler Ausnahmezustand. „Viele Unternehmer sind tief erschüttert, wenn ihr Lebenswerk infrage steht“, schildert André Simmack. „Wir müssen oft erst emotionale Barrieren überwinden, bevor wir an die sachliche Arbeit gehen können.“
Berater müssen vermitteln - und motivieren können
Das führt zu irrationalen Entscheidungen, Verzögerungstaktiken oder dem Festhalten an gescheiterten Konzepten. Deshalb braucht es Berater, die nicht nur betriebswirtschaftlich denken, sondern auch vermitteln und motivieren. „Oft sind wir Übersetzer zwischen Zahlenwelt und Unternehmerrealität“, erklärt André Simmack weiter. „Wenn am Ende ein Aha-Effekt kommt und der Geschäftsführer erleichtert ist, wissen wir: Es war der richtige Weg.“
Doch nicht jede Sanierung gelingt dauerhaft. „Viele Unternehmen kommen nach Jahren wieder - mit denselben Problemen“, berichtet Sebastian Mielke. Die Gründe: mangelnde Konsequenz, Rückfall in alte Muster oder zu optimistische Annahmen. Nachhaltigkeit heißt daher auch, die handelnden Personen mitzunehmen, umzuschulen und neue Strukturen zu verankern.
Klarheit und Verlässlichkeit wird erwartet
Ein gutes Indiz für eine gelungene Sanierung ist eine dauerhaft positive betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) über mindestens zwei Jahre. „Das ist der Punkt, an dem man sagen kann: Der Turnaround ist geschafft“, so André Simmack. Hinzu kommen regulatorische Anforderungen - etwa durch Basel IV - die ein transparentes und stabiles Finanzgebaren erfordern. Banken, Investoren und Kunden erwarteten Klarheit und Verlässlichkeit. In den vergangenen Jahren hat sich das Umfeld für Unternehmenssanierungen verändert. Der Fachkräftemangel zwingt viele Sanierer, nicht Mitarbeiter zu entlassen - sondern sie mit Halteprämien zu binden. Gleichzeitig ist die Investitionsbereitschaft auf Käuferseite zurückgegangen. „Es ist schwieriger geworden, ansanierte Unternehmen wieder in den Markt zu bringen“, erklärt Sebastian Mielke. Unsicherheit über wirtschaftliche Rahmenbedingungen, geopolitische Spannungen und regulatorische Eingriffe lähmten potenzielle Investoren.
Dankbarkeit nach der gelungenen Rettung eines Unternehmens
Gunnar Müller-Henneberg mahnt: „Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, die Sanierung nicht bestrafen, sondern fördern.“ Rückblickend seien Fehlanreize problematisch gewesen, weil sie künstlich gewachsene Geschäftsmodelle ohne Substanz gefördert hätten.„Heute braucht es nachhaltige Anreize, kein Strohfeuer.“ Der Roundtable endet mit einem emotionalen Statement. „Wenn wir es geschafft haben, ein Unternehmen zu retten, sind die Menschen unendlich dankbar“, berichtet Gunnar Müller-Henneberg. Auch Sebastian Mielke betont: „Wir machen das nicht, um den Schlüssel umzudrehen - sondern damit es weitergeht.“ Und das Fazit? Insolvenz ist nicht das Ende. Mit Mut, Kompetenz und rechtzeitiger Hilfe kann sie zum Neuanfang werden und zur Chance, das Unternehmen besser, stabiler und zukunftsfähiger aufzustellen als je zuvor.
In der Praxis zeigen sich vielfältige Ansätze: Preisanpassungen auf Kundenseite, neue Lieferantenvereinbarungen oder auch ein gezieltes Downsizing, das im Insolvenzverfahren deutlich einfacher umzusetzen ist.
Von Ingo Dalcolmo
LUTHER RECHTSANWALTSGESELLSCHAFT MBH

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Zu ihren Mandanten zählen große und mittelständische Unternehmen sowie die öffentliche Hand. Luther verfügt über enge Beziehungen zu Wirtschaftskanzleien in allen maßgebenden Jurisdiktionen. Luther ist Mitglied von unyer, einer globalen Organisation führender Professional Services Firms, die exklusiv miteinander kooperieren. Die Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH verfolgt einen unternehmerischen Ansatz: Alle Beratungsleistungen richten sich am größtmöglichen wirtschaftlichen Nutzen für den Mandanten aus.
PKF WULF GRUPPE

Die PKF Wulf Gruppe zählt zu den führenden mittelständischen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften in Süddeutschland. Ergänzend zu den klassischen Leistungen bietet sie ganzheitliche Beratung in Bereichen wie Corporate Finance, Unternehmensbewertung, ESG, Nachfolgeplanung sowie Sanierung und Restrukturierung. Mit rund 500 Mitarbeitenden an 14 Standorten in Baden-Württemberg und Bayern steht die PKF Wulf Gruppe für individuelle und persönliche Beratung sowie für praxisnahe Lösungen. Der Hauptsitz befindet sich in Stuttgart. Im Bereich Sanierung und Restrukturierung begleitet die PKF Wulf Gruppe Unternehmen bei der finanziellen Stabilisierung und strategischen Neuausrichtung. Im Fokus stehen die Analyse der wirtschaftlichen Lage und die Entwicklung umsetzbarer Maßnahmen zur Unternehmenssicherung. Als Teil des globalen PKF-Netzwerks verbindet die Gruppe regionale Nähe mit internationaler Expertise.
MENOLD BEZLER

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