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Esslingen

Weil der Stadt: Von „Baggerbissen“ zur wertvollen Ressource

Ricarda Stäbler setzt sich für Kreislaufwirtschaft im Bau ein und zeigt, wie Beton und Ziegel aus Abbruchgebäuden recycelt und als hochwertige Baustoffe wiederverwendet werden können.

Weil der Stadt: Von „Baggerbissen“ zur wertvollen Ressource

Ricarda Stäbler Foto: Corinna Weißler

„Bauen und Abreißen“ kann salopp gesagt jeder. Die wirkliche Kunst liegt darin, aus „Müll“ wieder wertvolles Material zu machen. Genau hier setzt Ricarda Stäbler an. Die Geschäftsführerin des Bauunternehmens Gottlob Stäbler und Mitinhaberin des Zentrums für Kreislaufwirtschaft (ZKW) in Weil der Stadt engagiert sich für ein Umdenken in der Branche. Sie fasst die Idee prägnant zusammen: Es geht um die Aufwertung von Abbruchstoffen und deren Rückführung in die Baustoffproduktion.

Die Branche steht heute vor Herausforderungen wie steigenden Materialkosten sowie einer Verknappung der Ressourcen – sowohl künstlich erzeugt als auch tatsächlich vorhanden. Hinzu kommt ein Imageproblem: „Bauen wird aktuell noch als eine Art Umweltsünder gesehen, wobei mir keine andere Branche geläufig ist, die so hohe Standards und Auflagen erfüllen muss“, macht Stäbler deutlich.

Damit aus Schutt tatsächlich wieder hochwertiger Baustoff werden kann, reicht der Einsatz auf dem Bauhof allein nicht aus. Eine sinnvolle Kreislaufwirtschaft beginnt laut Stäbler weit vor den eigentlichen Abrissarbeiten – bei der Ausschreibung durch die Vergabestellen und Auftraggeber. Es müsse zwingend Auflage werden, dass Abbruchbaustoffe einem sinnvollen Kreislauf zugeführt werden und nicht günstig mit dem Schiff nach Frankreich transportiert oder auf der Baustelle zu billigem, unbrauchbarem Schotter gebrochen werde.

Ein professioneller Recycling-Prozess folgt stattdessen klar definierten Schritten: Nach einer richtigen Ausschreibung und einer gründlichen Bestandsuntersuchung erfolgt die Vergabe an Fachunternehmen. Es folgt ein kontrollierter und sortierter Rückbau.

Unternehmen aus der Region

„Die Möglichkeit, die Baustoffe wieder sinnvoll aufzubereiten, beginnt mit dem ersten Baggerbiss beim Abbruch“, betont die Expertin. Anschließend wird das verwertbare Abbruchmaterial zu regionalen oder lokalen Recyclinghöfen abtransportiert. Dort wird das Material nach Qualität sowie Art sortiert, zu unterschiedlichen Endprodukten gebrochen und gegebenenfalls gewaschen, bevor es schließlich an Betonhersteller und weitere Endverbraucher zurückgeführt werden kann.

Besonders gut lassen sich heutzutage Beton und Ziegel recyclen. Doch Überregulierung und strikte Limitierungen machen die Kreislaufwirtschaft in Deutschland besonders schwierig. Dass der Einsatz rezyklierter Baustoffe erfolgreich funktioniert, beweist die Praxis. In Stuttgart und Umgebung stecken aufbereitete Baustoffe aus dem ZKW bereits in etlichen Bauwerken. Ein Beispiel ist das Quartier am Rotweg in Stuttgart-Zuffenhausen, ein Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA'27).

„Bauen wird aktuell noch als Umweltsünde gesehen.“
Ricarda Stäbler Geschäftsführerin Gottlob Stäbler

Dennoch existieren in der Öffentlichkeit immer noch Vorurteile gegenüber RC-Baustoffen, etwa hinsichtlich Qualität oder Haltbarkeit. Stäbler beobachtet zwar, dass diese weniger geworden sind, betont jedoch, dass mögliche Bedenken schlichtweg auf Unwissen basieren. „Selbstverständlich müssen die Materialien mindestens die gleichen, wenn nicht sogar höhere Anforderungen wie Primärbaustoffe einhalten“, erklärt sie. Der gesamte Prozess wird streng intern sowie extern überwacht – eine Kontrolle, die beim herkömmlichen Abbau im Steinbruch in dieser Form sicherlich nicht der Fall sei.

Der Beitrag der Kreislaufwirtschaft zum Umwelt- und Klimaschutz ist enorm: Sie sorgt für einen geringeren Rohstoffverbrauch, reduziert die CO₂-Emissionen, verringert Abfälle, schont Energie und schützt die Natur sowie das Ökosystem. Auf der ökonomischen Seite sieht die Realität allerdings noch anders aus. Wirtschaftliche Vorteile ergeben sich für Auftraggeber bislang kaum, da die Verwendung von Recycling-Baustoffen aufgrund der extrem hohen Auflagen in Deutschland oft noch etwas teurer ist als der Griff zu neuen Materialien. Stäbler sieht hier die Politik in der Pflicht: Erforderlich wäre eine gezielte Förderung für Bauherren, die Recyclingbaustoffe einsetzen.

Das Handwerk selbst ist traditionell tief verwurzelt. Es zeichnet sich vor allem durch Bodenständigkeit und Tradition aus; hier arbeiten Menschen bei Wind und Wetter an ständig wechselnden Orten und Projekten. Gerade am Bau gelte es jedoch, die Relation zwischen Nachhaltigkeit und steigenden Kosten im Blick zu behalten, denn Wohnen sei schließlich ein fundamentales Grundbedürfnis.

Für die Zukunft wünscht sich die Expertin deutlich mehr Unterstützung von Politik und Kommunen. Die Politik müsse die rechtlichen Voraussetzungen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft schaffen. Dazu gehört die verankerte Pflicht im Vergaberecht, nachhaltige Produkte und Baustoffe einzusetzen, sowie eine Lockerung der Ersatzbaustoffverordnung nach dem Vorbild der Schweiz.

Blickt man zehn Jahre in die Zukunft, dient die Schweiz ohnehin als Vorbild. Dort werden von rund 16 bis 18 Millionen Tonnen Rückbaumaterial etwa 12 Millionen Tonnen wiederverwertet. Öffentliche Bauherren agieren dort als Vorreiter, und Recyclingbaustoffe haben sich flächendeckend im Hochbau etabliert. Während in Deutschland noch zu viele rezyklierte Baustoffe „vergeudet“ werden – etwa im Straßenbau –, stellt die Schweiz circa 90 Prozent des Betons pro Jahr mit wiederaufbereiteter Gesteinskörnung. Das große Ziel lautet daher auch hierzulande: Der Durchbruch eines echten, hochwertigen „Closed-Loop-Recyclings“.

Von Corinna Weißler