Dieter Blankenhorn ist Direktor der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau, zu der auch das Staatsweingut Weinsberg gehört. Im dortigen Sensorikstudio finden mit seiner Beteiligung die Blindproben der Württemberger Weinmeisterschaft Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten statt.
Herr Blankenhorn, Sie unterstützen die Württemberger Weinmeisterschaft persönlich und institutionell von Anfang an. Was ist Ihre Motivation?
Für mich ist die Weinmeisterschaft etwas ganz Besonderes, weil nicht Weinfachexperten die Bewertungen machen, sondern weil es die Verbraucher sind. Bevor ich nach Weinsberg gekommen bin, habe ich im Rahmen meiner Promotion lange Verbrauchermarktforschung gemacht. Ich fand das immer spannend, weil da ganze andere Sichtweisen zustande kommen.
Der Verbraucher hat seinen eigenen Willen. Karl-Eugen Graf von Neipperg hat jüngst in einer Finalrunde der Weinmeisterschaft überspitzt gesagt, im Gegensatz zu Frankreich gebe es bei uns keine patriotischen Weintrinker. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Im Kern ist das schon eine richtige Aussage, denn in Frankreich wird überwiegend französischer Wein getrunken. Bei der Verbraucherforschung habe ich früh gelernt, dass die Genießer bei uns glücklich sind, weil sie in einem internationalen Markt jeden Tag neu entscheiden können, was sie trinken wollen. Das heißt, wir müssen unsere Weine so attraktiv machen, dass sie nur noch Lust auf unsere haben. Ich habe das von Kollegen oft gehört: Wenn jeder eine Flasche deutschen Wein im Jahr mehr trinken würde, dann hätten wir kein Problem.
Gerade einige Genossenschaften in Württemberg haben Probleme, mit der Folge, dass immer mehr Flächen brach liegen. Sehen sie in der Verkleinerung die Krise auch als Chance, als Gesundschrumpfung?
Wir waren jüngst mit dem Landesweinbauverband bei einer Prämierung, und da waren wir überrascht, wie viele der dort ausgezeichneten Winzer gesagt haben, eine Krise biete immer auch eine Chance. Das würde ich so unterschreiben. Wir müssen unser Sortiment anpassen. Wir sagen in Württembergja immer, wir haben ein so vielschichtiges Sortiment, aber ich glaube, das ist für viele Verbraucher zu undurchsichtig. Man müsste sich mehr damit beschäftigen, was stellen wir in den Vordergrund. Mehr strukturieren und bündeln ist sicher eine richtige Maßnahme, und auch mehr junge Winzer einfach machen lassen.
Was sind denn die Besonderheiten Württembergs, die man mehr positionieren könnte?
Dazu haben wir mit dem Weinbauverband einen Forschungsantrag gestellt: Wie kann man die Württemberger Weine besser profilieren? In einer europäischen Innovationspartnerschaft wollen wir Konzepte entwickeln, die dann auch bei Verbrauchern geprüft werden. Früher hat man gesagt, wir profilieren uns über eine Rebsorte, aber ich glaube, die Zeiten sind viel komplexer geworden. Man muss sich auch über die Kultur der Menschen profilieren, über Landschaft und Genuss allgemein.
Sollte man etwa den Lemberger gar nicht so sehr in den Vordergrund rücken?
Doch, doch, der hat schon Potenzial, und da sollte man mehr Energie in die Frage des Ausbaus reinstecken, aber auch, wie wir ihn am Markt positionieren. Bislang ging da viel über die Cuvée Trollinger-Lemberger, und man hat sich keine weiteren Gedanken gemacht. Grundsätzlich ist es so: Lemberger ist regionale Kompetenz, Spätburgunder ist internationale Kompetenz, in der man sich mit der ganzen Welt messen kann. Aber auch beim Trollinger muss man sich mehr mit der Qualität beschäftigen, die er in der Stilistik bieten kann. Wir machen gerade ein Projekt mit Studierenden, wie man eine bessere Kommunikation aufbauen, eine Trollinger-Story entwickeln kann.
Also geht es auch darum, Besonderheiten cooler zu vermarkten, weg vom Image in Opas Keller.
Genau, in der neuesten Verkostung für die Weinmeisterschaft haben wir gesehen, dass man mit Sekt auch sehr gut punkten kann. Wir haben hier viele Burgundersorten, aus denen man hochwertige Schaumweine herstellen kann. Ich sehe das als Mangel, dass wir da noch nicht weiter sind.
Wie meinen Sie das?
Vor einigen Jahren war ich oft in Luxemburg und habe in vielen Betrieben gesehen, dass die rund 20 Prozent ihrer Produktion als Crémant de Luxembourg vermarkten, in Flaschengärung, mit einer vergleichbaren Technik. Wichtig hier wäre, dass man keine Massenproduktion in diesem Bereich macht. Da gibt es welche, die können es immer günstiger, sondern man muss ambitionierter sein, zum Beispiel mit leicht gereiftem Sekt. Wir sind hier generell fleißig und schnell, aber für den Genuss sollte man sich manchmal mehr Zeit beim Reifen lassen.
Jetzt haben Sie schon das nächste Projekt der Weinmeisterschaft angesprochen, aber rückblickend gefragt im fünften Jahr: Was hat Sie im Wettbewerb am meisten überrascht?
In vielen Verkostungen konnten wir feststellen, dass es die Qualitätsgaranten gibt, die oft vorne dabei sind. Aber es tauchen auch immer wieder nicht so bekannte Betriebe auf. Das ist das Schöne an der Blindverkostung: Keiner weiß, was es ist, und man kann sich frei seine Meinung bilden. Dann ist es auch legitim, dass renommierte Betriebe mal realisieren, dass sie nicht immer ganz vorne dabei sein müssen.
Jetzt haben Sie schon das nächste Projekt der Weinmeisterschaft angesprochen, aber rückblickend gefragt im fünften Jahr: Was hat Sie im Wettbewerb am meisten überrascht?
In vielen Verkostungen konnten wir feststellen, dass es die Qualitätsgaranten gibt, die oft vorne dabei sind. Aber es tauchen auch immer wieder nicht so bekannte Betriebe auf. Das ist das Schöne an der Blindverkostung: Keiner weiß, was es ist, und man kann sich frei seine Meinung bilden. Dann ist es auch legitim, dass renommierte Betriebe mal realisieren, dass sie nicht immer ganz vorne dabei sein müssen.
So wie sich die Württemberger Weinmeisterschaft entwickelt hat: Bedauern Sie manchmal, dass Sie mit dem Staatsweingut Weinsberg nicht daran teilnehmen können?
Wir sind ja bei vielen anderen Wettbewerben dabei, aber wenn ich selbst in der Jury sitze, geht das natürlich nicht. Manchmal haben die Kollegen schon ein bisschen Wehmut, dass sie nicht in der Weinmeisterschaft vertreten sind und sagen, da hätten wir auch punkten können. Das sind eben zwei Herzen, die in meiner Brust schlagen. Matthias Ring
Zur Person
Dieter Blankenhorn, Jahrgang 1966, hat nach seiner Winzerlehre im Weingut Aldinger in Geisenheim Weinbau und Önologie studiert und wissenschaftliche Arbeit und Marktforschung betrieben. Der promovierte Agrarwissenschaftler ist seit 1999 Dozent an der Staatlichen Lehrund Versuchsanstalt für Weinund Obstbau in Weinsberg und seit 2017 deren Direktor. mari