Der VfB Stuttgart hat die beste Saison seit vielen Jahren hinter sich – und eine erstaunliche Entwicklung zudem. Das gilt für den Club in Summe, aber auch für viele einzelne Spieler. Das VfB-Reporterteam unserer Zeitung hat die Weiß-Roten hautnah begleitet. Nun ist es Zeit, die vergangenen Monate zu bewerten.
David Scheu über Alexander Nübel

Der VfB und seine Torhüter, das war in der jüngeren Vergangenheit nicht immer die reine Erfolgsgeschichte. Immer mal wieder kosteten Patzer gleichermaßen Nerven und Punkte, zuletzt gingen der Verein und Florian Müller nach der Relegation 2023 getrennte Wege. Die Nachfolge-Suche zog sich wochenlang, ehe die Leihe von Alexander Nübel vom FC Bayern unter Dach und Fach war. Jedes einzelne Telefonat war die Mühen wert, die Fans verfolgen die VfB-Partien seither mit einem fast schon vergessenen Gefühl. Keine mulmige Vorahnung mehr bei hereinfliegenden Flanken, auch nicht bei Distanzschüssen oder hoch pressenden Gegnern. Der 27-Jährige strahlt Souveränität aus, stabilisiert den Defensivverbund und findet mit dem Ball am Fuß auch unter Druck den Mitspieler – eine ganz wichtige Fähigkeit im auf Ballbesitz ausgelegten Spielsystem von Trainer Sebastian Hoeneß. Nübel ist vielleicht nicht der spektakulärste Spieler im Stuttgarter Ensemble – aber ein entscheidendes Mosaik, ohne das die jüngsten Erfolge undenkbar gewesen wären.
Carlos Ubina über Angelo Stiller

Er zieht den Ball an wie kein anderer in der VfB-Mannschaft. Sportdirektor Fabian Wohlgemuth vermutet, dass Angelo Stiller vielleicht doch einen „Magneten im Schuh“ hat. Auf fast hundert Ballkontakte pro Bundesligapartie bringt es der Mittelfeldspieler. Nur Granit Xhaka (Bayer Leverkusen) weist auf der Sechserposition etwas mehr Ballkontakte auf. Stiller hat sich auf Anhieb zur Stammkraft entwickelt, als wäre er schon immer im Zentrum des VfB-Geschehens gestanden. Doch der 23-Jährige kam erst nach dem ersten Bundesligaspiel der Saison von der TSG Hoffenheim – und schaffte es, dass Wataru Endo, der zum FC Liverpool abgewandert war, nicht vermisst wurde. Nun bildet der gebürtige Münchner einen Fixpunkt, um den sich das Spiel dreht. Ins Rotieren kommt dabei nur der Gegner, wenn er versucht, an den Ball zu gelangen. Bei Stiller nahezu unmöglich. Er scheint über einen Radar im Rücken zu verfügen und bleibt selbst in höchster Bedrängnis ruhig. Weil er vorher weiß, wohin der nächste Ball geht und bei einer Passquote von fast 93 Prozent die richtige Option wählt. Stiller ist nicht nur das spielerische Herzstück der Mannschaft, sondern auch der Vorausdenker.
.Gregor Preiß über Serhou Guirassy

Im Fußball geht es um Tore – um was sonst? Weshalb auch völlig klar ist, wer beim VfB Stuttgart den Titel als Spieler der Saison verdient hat: Niemand anderes als Serhou Guirassy natürlich. Wer 28 Tore in einer Saison erzielt, ist König! 28 Tore. So viele wie die gesamte Mannschaft des 1. FC Köln. Und leider nicht ganz so viele wie Harry Kane, dem am Ende die Torjägerkanone der Bundesliga verdientermaßen gebührt. Er hat aber auch nicht so oft gefehlt wie der Kanonier aus Stuttgart. Dass Serhou Guirassy aus einer Top-Mannschaft wie dem VfB in dieser Saison noch herausragt, liegt nicht allein an seinen Qualitäten vor dem Tor. Der Guineer ist ein kompletter Stürmer, wie man ihn in der Bundesliga selten sieht. Technisch beschlagen, durchsetzungsstark, mit dem Näschen für die richtigen Positionen und den passenden Laufweg. Als er zu Beginn der Spielzeit Rekord um Rekord brach, gab er eines seiner seltenen Einzelinterviews. Zu erleben war ein ruhiger, reflektiert erzählender Fußballer, dem man gerne abnahm, dass es ihm in seiner Karriere nicht nur ums Geld und den nächsten hoch dotierten Vertrag bei einem x-beliebigen Topclub geht. Die Gewissheit, es aus eigener Kraft und mit dem eigenen Team in die Königsklasse des Fußballs geschafft zu haben, wiegt am Ende vielleicht mehr. Und wenn nicht? Wenn das Spiel doch sein letztes für den VfB war? Bleibt die Erinnerung an einen der besten Stürmer, der je das Trikot mit dem Brustring getragen hat.
Philipp Maisel über Enzo Millot

Wenn es einen Spieler im aktuellen VfB-Kader gibt, der Sven Mislintats Ruf vom Diamantenauge untermauert, dann ist das wohl Enzo Millot. Der französische Youngster wurde 2019 für 1,75 Millionen Euro von Mislintat von der AS Monaco losgeeist. Er ist jetzt der zweitteuerste Spieler im Kader der Schwaben, wenn man dem einschlägig bekannten Portal hierfür Glauben schenken mag. 30 Millionen Euro Marktwert attestiert es Millot, der mit seinen 21 Jahren schon ein Unterschiedsspieler für den VfB Stuttgart ist. Kein Profi ist in Ballbesitz wertvoller für Sebastian Hoeneß. Seine Magie entfaltet sich an einem entscheidenden Punkt: Im frühen Aufbau (43 Beteiligungen). Er ist so etwas wie der verbindende Klebstoff zwischen Defensive und Offensive. Essenziell ist auch seine Passqualität im letzten Drittel (87 Prozent). Niemand beim VfB ist da besser. Doppelpässe, Steckpässe, perfekt temperierte, aus dem Fußgelenk geschüttelte Flugbälle? Hat Millot alles im Repertoire. Keiner personifiziert die Entwicklung des Clubs unter Hoeneß mehr als Millot, der noch unter dessen Vorgänger Bruno Labbadia auf die Tribüne verbannt worden war. Diese Entwicklung ist natürlich nicht nur allen beim VfB augenscheinlich. Sie lässt Millot auf vielen Notizblöcken auftauchen. Auch auf denen der ganz großen Clubs. Da trifft es sich gut, dass der VfB erst im Januar bis 2028 mit ihm verlängern konnte.
Dirk Preiß über Deniz Undav

Man lernt ja auch als Reporter nie aus – auch nicht im sprachlichen Sinne. Und so hat die vergangene Saison des VfB nicht nur fußballerisch begeistert, sondern auch lingual den Horizont erweitert. Denn nun ist klar: Ist heutzutage etwas sehr gut, dann ist es nicht mehr „krass“, „genial“ oder womöglich „geil“ – sondern eben „geisteskrank“ oder „übertrieben“. Der Dank für diese Lektion gilt Deniz Undav. Der Stürmer spricht, wie viele Fans denken – und wurde daher ihr Liebling im weiß-roten Brustring-Trikot. Denn neben den so unterhaltsamen wie authentischen Interviews hat der 27-Jährige sportlich überzeugt. Gekommen ist er als Leihspieler vom englischen Premier-League-Club Brighton & Hove Albion. Zunächst eher unbekannt, dann verletzt – danach aber derart durchgestartet, dass auf der Wunschliste der meisten VfB-Fans eines weit oben steht: der Undav-Verbleib in Stuttgart. Das deckt sich mit dem Wunschzettel des Nicht-0815-Profis, der vor vier Jahren noch beim SV Meppen kickte. Mit seinen 18 Bundesligatoren und zehn Assists hat Undav gehörigen Anteil am Einzug in die Champions League und es mit einem eher unorthodoxen Stürmerprofil in die Nationalmannschaft geschafft. Kann man mehr erreichen in einem Jahr Stuttgart? Eher nicht.
Jochen Klingovsky über Waldemar Anton

Die Offensive, heißt es in der Sprache des Sports so schön, gewinnt Spiele, die Defensive Titel. Auch diese Weisheit hat der VfB in dieser Saison auf den Kopf gestellt – weil der Erfolg dieser außergewöhnlichen Mannschaft ein Gesamtkunstwerk ist. Jeder Pinselstrich von Trainer Sebastian Hoeneß passte ins Bild, das am Ende lauter strahlende Gewinner zeigte. Und das ohne Waldemar Anton, der die Kunst des Verteidigens liebt und lebt, unvollständig wäre. Der Kapitän ist der stille Anführer des Vizemeisters. Einer, der vorangeht, mit Leistung, Haltung und Einstellung. Und einer, auf den jederzeit voll Verlass ist. In 33 Spielen kam der Innenverteidiger zum Einsatz (nur einmal fehlte er gelbgesperrt), in 33 Spielen zeigte er eine starke Leistung. Als Dirigent der Abwehr, als Vorkämpfer, als Passgeber. Waldemar Anton hat die beste Saison seiner Karriere abgeliefert. Was umso erstaunlicher ist, wenn man ein gutes Jahr zurückdenkt. Damals stellte Trainer Bruno Labaddia Waldemar Anton in der Abwehrkette nach rechts. Der Mann, der wie kein anderer dazu prädestiniert ist, Teil des Bollwerks in der Mitte zu sein, sollte plötzlich die Außenbahn hoch und runter rennen. Anton versuchte, auch diese Rolle auszufüllen, doch es ist ihm anzusehen gewesen, wie unglücklich er dabei war. Und der Mannschaft geholfen hat diese Umstellung auch nicht. Weshalb Waldemar Anton zu den vielen VfB-Profis gehört, die Sebastian Hoeneß einiges zu verdanken haben. Der Coach hat auch ihn besser, zum Chef einer Topabwehr, Nationalspieler und EM-Fahrer gemacht. Was für eine Saison!
David Scheu, Carlos Ubina, Gregor Preiß, Philipp Maisel, Dirk Preiß und Jochen Klingovsky