Die Gewerbe- und Handelstreibenden in Untertürkheim machen sich Sorgen. Seit dem 9. Februar ist die Kappelbergstraße gesperrt. Damit ist die direkte Verbindung zum Stadtteil Luginsland unterbrochen, auch die zur Nachbarstadt Fellbach. Das soll bis März 2027, also ein gutes Jahr lang, so bleiben. Der Industrie-, Handels- und Gewerbeverein Untertürkheim (IHGV) befürchtet negative Auswirkungen auf die Geschäfte im Stadtbezirk und hat sich deswegen auch schon an die Stadtverwaltung gewandt. Außerdem hat der IHGV eine Stempelkarten-Aktion gestartet, um einen Anreiz zu geben, dass die Menschen auch weiter zum Einkaufen in die Geschäfte im Ortskern kommen. Zusätzlich wurden Banner mit Hinweisen auf die Einkaufsmöglichkeiten in Untertürkheim aufgehängt.
Die Kappelbergstraße führt von der Großglocknerstraße hinauf in Richtung Luginsland und geht dort in die Fellbacher Straße über. Eigentlich fahren dort täglich mehr als 8000 Personenwagen, Omnibusse und Lastwagen von und nach Luginsland und Fellbach.


Das Kanalnetz unter der Straße und in den angrenzenden Bereichen stammt aus den 1920er Jahren, ist also rund 100 Jahre alt und muss dringend erneuert werden. Und weil ohnehin schon gegraben und gebaut werden muss, kann man auch gleich neue Gas- und Wasserleitungen verlegen, den Asphaltbelag der Straße sanieren und die Bushaltestelle „Im Hag“ barrierefrei umbauen. Insgesamt werden auf einer Strecke von 1,1 Kilometern Kanäle verlegt und 85 Hausanschlüsse erneuert. Das wird nach bisherigen Schätzungen rund 7,5 Millionen Euro kosten. Da alles zusammen eine richtig große Baumaßnahme ergibt, ist die Kappelbergstraße seit 9. Februar und voraussichtlich bis März 2027 voll gesperrt.
Mangels anderer Möglichkeiten wird der Verkehr seitdem über die Augsburger Straße und die Dietbachstraße relativ weiträumig um den Untertürkheimer Ortskern herum umgeleitet, auch die Buslinie 60 zwischen Untertürkheim und Oeffingen. Die Sperrung ist in Untertürkheim ebenso weiträumig ausgeschildert, frühzeitig vor der Kappelbergstraße hängt wiederholt bei den Sperrgittern der Hinweis „Anlieger frei“. Deswegen spekulieren immer wieder Autofahrer darauf, dass es doch ein Durchkommen geben könnte und ignorieren die Sperrhinweise. Aber da geht nichts durch. In den ersten Wochen der Sperrung haben Autofahrer versucht, die Baustelle über die zum Teil schmalen umliegenden Wohnstraßen zu umfahren, auch wenn sie keine Anlieger dort sind. Auch Einbahnstraßenregelungen wie etwa die in der Scherrenstraße werden immer wieder missachtet.
Der IHGV befürchtet durch die über viele Monate andauernde Sperrung einen weiteren Attraktivitätsverlust für den Untertürkheimer Ortskern. Dort ist schon seit Jahren ein Trading-Down-Effekt zu beobachten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Die Kaufkraft geht zurück, auch durch eine sich verändernde Sozialstruktur der Einwohner. Auch deswegen orientieren sich Untertürkheimer verstärkt nach Fellbach mit seinem deutlich größeren Angebot an Einzelhandel, Geschäften, Gastronomie und mehr. Gerade auch die Einwohner von Luginsland mit ihrer Kaufkraft und Investitionsbereitschaft sind aber wichtig für den Untertürkheimer Ortskern und jetzt lange Zeit von ihm abgeschnitten.
Aus dieser Sorge heraus hat der IHGV jetzt eine Aktion gestartet, um die Untertürkheimer zu motivieren, trotz der Sperrung in den örtlichen Geschäften und Gaststätten einkaufen oder essen zu gehen und Dienstleistungen hier in Anspruch zu nehmen. Dafür hat der Handels- und Gewerbeverein sich eine Stempelkarten-Aktion ausgedacht, die den Teilnehmern zu einem Preisnachlass von zehn Euro verhelfen kann. Bei jedem Einkauf in einem der teilnehmenden Betriebe können sich die Kunden die Karte abstempeln lassen. Ist sie voll, wurden also zehn Stempel gesammelt, wird beim nächsten Einkauf ein Preisnachlass von zehn Euro gewährt. Kleine Einschränkung: Damit bei möglichst vielen unterschiedlichen Unternehmen eingekauft wird, können auf einer Stempelkarte maximal fünf Stempel pro Betrieb gesammelt werden.
Die Aktion läuft bereits. Die von Annika Reber vom Grafik-Aartelier aus Untertürkheim entworfene Stempelkarte wurde an die Untertürkheimer Haushalte verteilt, also auch in Luginsland und Rotenberg. Außerdem liegen die Karten auch in den teilnehmenden Betrieben aus. Die Aktion läuft bis Ende 2027, bis zum 31. Dezember 2027 können also volle Stempelkarten gegen Rabatt eingetauscht werden.
Als weitere Informationsmaßnahme hat der IHGV inzwischen auch Banner mit Hinweisen aufgestellt. Darauf steht beispielsweise: „Trotz Baustelle für Sie da! Die Untertürkheimer Fachgeschäfte. Alle Betriebe erreichbar. Zufahrt über Kelterplatz und Schnaiter Straße.“
Das Tiefbauamt bittet die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner sowie alle Verkehrsteilnehmenden um Verständnis für die notwendigen Tiefbauarbeiten und die damit verbundenen Einschränkungen.
Von Jürgen Brand