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Grafik von der Aar bis zum Neckar

Annika Reber hat für den IHGV Stempelkarten und Bauzaunbanner gestaltet.

Grafik von der Aar bis zum Neckar

Annika Reber fühlt sich in Untertürkheim längst zuhause. Fotos: Jürgen Brand

Wer in Untertürkheim in den vergangenen Tagen eine Stempelkarte des Industrie-, Handels- und Gewerbevereins (IHGV) in seinem Briefkasten gefunden hat, wird sich kaum Gedanken darüber machen, wie viel Arbeit hinter so einer vermeintlich unkomplizierten Aktion zur Stärkung des örtlichen Handels und Gewerbes steckt. Und dass es irgendeinen kreativen Kopf braucht, der so eine vergleichsweise einfach gestaltete, deswegen aber auch einfach zu verstehende Karte gestaltet. Im Fall der Stempelkarten-Aktion ist es Annika Reber mit ihrem Grafik-Aartelier, die den IHGV unterstützt hat. Dabei ist die verheiratete Mutter einer Tochter noch gar nicht so lange in Untertürkheim - und erst seit Ende vergangenen Jahres Mitglied im Handels- und Gewerbeverein.

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Ursprünglich kommt Annika Reber aus Hahnstätten in Rheinland Pfalz. Das ist ein kleiner Ort im Rhein-Lahn-Kreis, mit eigenem Schloss, aber nur um die 3000 Einwohnern. Deswegen bezeichnet sich die Grafikerin heute noch auch auf dem Klingelschild - als „Landei“. Und ihre Heimatverbundenheit drückt sie mit dem „Aar“ in ihrem Atelier-Namen aus, benannt nach dem Flüsschen Aar, das durch Hahnstätten fließt.

Das „,aartelierle“ wartet noch auf seine Wiedereröffnung.
Das „,aartelierle“ wartet noch auf seine Wiedereröffnung.
Grafikerin in der Pressestelle des Bistums Limburg war neun Jahre lang ihr „absoluter Traumjob”.

Eine künstlerische, gestalterische Ader hatte sie schon als Kind. Bei einer Künstlerin lernte sie Grundtechniken, egal ob Aquarellmalerei, Öl auf Leinwand oder sogar expressive Kohlezeichnungen. Das war die Basis für ihre Mappe, die sie zum Kommunikationsdesign-Studium nach Frankfurt führte. Schon während des Studiums meldete sie ein Kleingewerbe an, sozusagen der Start ihres „Aarteliers“, gestaltete Postkarten, Schmuck und anderes und verkaufte es. Außerdem jobbte sie bei Werbeagenturen. So kam sie auch praktisch gut vorbereitet ans Ende des Studiums und musste sich gar nicht groß im umkämpften Arbeitsmarkt orientieren.

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2010, noch bevor sie das Abschlusszeugnis des Studiums richtig in Händen hielt, begann sie als Vollzeit-Grafikerin in der Pressestelle des Bistums Limburg. Neun Jahre lang war das ihr „absoluter Traumjob“, wie sie auch heute noch schwärmt. Die Aufgaben dort waren vielfältig und abwechslungsreich, angefangen vom schlagzeilenträchtigen Geschehen um das sündhaft teure Bischofshaus von Bischof Tebartz-van Elst über Wallfahrten und Konzerte bis hin zu Schul- und Bildungsprojekten. Ihr Fokus lag dabei immer auf Printprodukten - das hält bis heute an.

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Die Nachmittage gehören inzwischen ihrer Tochter und ihrer Selbstständigkeit mit dem Grafik-Aartelier.

Beim Skifahren lernte sie 2018 ihren heutigen Mann kennen, schon ein Jahr später zog sie nach Stuttgart, genau genommen nach Untertürkheim. Seitdem hat sie ihr Leben ganz neu organisiert: neue Umgebung, Kind, Familie, Beruf, all das wollte gut ausbalanciert sein. Die Lösung bot sich für sie in einer 50-Prozent-Stelle, zunächst beim Katholischen Dekanat in Böblingen, seit vergangenem Jahr beim Regierungspräsidium Stuttgart. Vormittags teilt sie sich dort eine Stelle mit einer anderen Grafikerin und gestaltet in der Abteilung für Mobilität und Verkehr auch mal Umleitungspläne.

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Die Nachmittage gehören natürlich ihrer Tochter und ihrer Selbstständigkeit mit dem Grafik-Aartelier. Aufträge bekommt sie nach wie vor aus ihrer alten Heimat, ihrer „Limburg-Bubble“, beispielsweise für die Limburger Dommusik. Sie gestaltet auch soziale Projekte, etwa Kartensets in Leichter Sprache. Dieser Kontrast zwischen Behörde auf der einen und ungebundener Kreativität auf der anderen Seite befruchtet beide Arbeitsvarianten, bietet Sicherheit und Freiheit. Künstliche Intelligenz nutzt sie zwar als oft praktisches Tool für Inspiration, würde aber nie ein schnelles Logo von der KI mal eben so produzieren lassen. Für ein hochwertiges Markendesign fehlt der Kleinfach die strategische Tiefe und vor allem auch die menschliche Kritikfähigkeit.

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Aus einer Nachbarschaftsinitiative während der Corona-Zeit, einer damals entstandenen Laufgruppe, hat sich ein fester Freundeskreis entwickelt. Ein Nachbar war es auch, der sie zum IHGV brachte. Michal Borowicz, der in Untertürkheim sein Projekt Sheep Dreams inklusive Ladengeschäft in der Widdersteinstraße auf die Beine gestellt hat, wohnt gleich ein paar Meter weiter. Als die Sperrung der Kappelbergstraße näher rückte und der IHGV sich Sorgen um die Geschäfte im Ortskern während der Sperrung machte, sprach Borowicz Annika Reber an und fragte, ob sie für den Handels- und Gewerbeverein beispielsweise so eine Stempelkarte gestalten könnte. Zu der Karte ist dann schnell noch das Bauzaunbanner gekommen und es werden sicher nicht die letzten gemeinsamen Projekte sein.

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Im „aartelierle“ konnte jeder sein Lieblingsstück aussuchen - auf Vertrauensbasis. Dann stahl ein Unbekannter alles.

Ein ganz anderes Projekt steht direkt bei der Garage der Familie Reber an der Sattelstraße und harrt seiner Wiederbelebung. In einem kleinen „aartelierle“ hatte Annika Reber eine Zeit lang selbst gestalteten Schmuck und anderes angeboten. Jeder, der vorbeikam, konnte sich in dem kleinen Holzhäuschen sein Lieblingsstück aussuchen, das Geld dafür in die Kasse legen, reine Vertrauenssache also. Im Dezember 2022 stahl ein unbekannter Dieb alles aus dem Häuschen. „Das hat mich gekränkt und gefrustet“, sagt Annika Reber. Sie werde zwar immer wieder angesprochen, wann sie das „aartelierle“ sozusagen wieder öffne. Ganz so weit ist sie noch nicht - aber vielleicht wird es ja dieses Jahr doch noch so weit sein.

Von Jürgen Brand