Gleich drei Kompanien aus der kanadischen Provinz Québec geben beim Colours International Dance Festival 2025 einen Einblick in die zeitgenössische Tanzszene dort: die Compagnie Marie Chouinard, Virginie Brunelle und Guillaume Côté.

Sie warf mit rohen Eiern, versteigerte sich selbst auf der Bühne, bekam Auftrittsverbot in der Art Gallery of Ontario: Marie Chouinard mischte ab Ende der 1970er als Enfant terrible die Szene auf, wurde zur Grande Dame des zeitgenössischen Tanzes Kanadas. Und die Szene der Provinz Québec ist höchst präsent auf dem Colours Festival: Neben der Compagnie Marie Chouinard sind Côté Danse und die Compagnie Virginie Brunelle zu sehen. „Wir können drei Generationen Tanzschaffender zeigen, alle ausdrucksstark, mit individueller Tanzsprache“, so Meinrad Huber, der das Colours-Programm konzipiert hat. Er erläutert: „Virginie, die Jüngste, hat direkt nach dem Studium ihre Compagnie für zeitgenössischen Tanz gegründet; Guillaume Côté war über zwanzig Jahre einer der prägenden Stars des National Ballet of Canada, choreografierte dort, bevor er 2021 seine eigene Truppe gründete und freilich Chouinard, die zunächst als radikale Solokünstlerin loszog.“
Letztere wird „Body Remix V2 & Magnificat“ als deutsche Erstaufführung zum Festival mitbringen. Ist „Magnificat“ noch am Entstehen, lässt die Choreografin in ersterem schon jetzt zu Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen ihre zehn Tänzerinnen und Tänzer die Variationen der Freiheit erkunden, körperlich wie geistig. Sie exerzieren nicht nur zeitgenössische Bewegungen auf Spitzenschuhen. Wie in einer Spektroskopie, die das Licht in seine Bestandteile zerlegt, werden hier Phrasen, Schritte, Sprünge, das Vorankommen an sich dekonstruiert - zum Teil mit Hilfsmitteln. Seile, horizontale Stangen, Haltegurte, Prothesen oder Krücken behindern Bewegung oder befördern sie, kreieren aber stets Neues. So entstehen ungewöhnliche Körperformen und Gesten voller Dynamik, die in ein unendliches Universum akribischer wie spielerischer Erforschung von Solos, Duos, Trios und Gruppenszenen münden. Akte voller Vergnügen und Innovation, aber auch Anstrengung, die die Befindlichkeiten des Menschseins widerspiegeln, als Fest des Körpers und der Geheimnisse lebendiger Wesen. Chouinard hinterfragt - durchaus humorvoll und sinnlich - Normen, Definition, Anderssein. Was ist Schönheit? Was Hässlichkeit? Wer legt das fest?
Klingt in Chouinards Perspektiven des Menschseins auch Aktuelles wie Inklusion an, beschäftigt sich Guillaume Côté in „Burn Baby, Burn“ mit dem dringend nötigen Handeln gegen den Klimawandel. Und doch verleugnen diesen manche, weil Nichtstun so viel einfacher scheint. Zu poppig-rockigen Klängen von Amos Ben-Tal - einst beim Nederlands Dans Theater performend, nun Rockmusiker, Komponist und Choreograf - lässt er neun Tänzerinnen Öl ins Feuer gießen und in einem Tanz der Verleugnung verharren, bis die Hitze gänzlich außer Kontrolle gerät. Côté will aufrütteln und ein Gegenfeuer entfachen, bevor es zu spät ist und das Klima außer Kontrolle gerät. Treibt doch das kollektive Handeln und Feuer, das alle täglich abbrennen, die globalen Temperaturen höher und höher. Brennen bedeutet bei Côté denn auch die Leidenschaft und Intensität, die Kraft geben soll, um endlich den Wandel herbeizuführen. Nicht von ungefähr legt seine eigene Kompanie, die er 2021 gründete, einen körperlichen, athletischen, dramatischen Stil an den Tag, der das Klassische nicht verleugnet. „Es geht um die Flamme, die wir in uns tragen“, sagt Guillaume Côté zu „Burn Baby, Burn“, das bei Colours erstmals in Europa aufgeführt wird. Darum „ob dieses Feuer die Menschheit zerstören oder retten wird“.
Das betrifft viele gesellschaftliche Bereiche. Und so untersucht die Compagnie Virginie Brunelle in „Les corps avalés“ („Verschluckte Körper“) Machtverhältnisse, Ungleichheiten und soziale Umwälzungen. Zur Musik des Molinari Quartetts schickt Brunelle in dieser europäischen Erstaufführung sieben Tänzerinnen und Tänzer als verletzliche Menschheit auf die Suche nach Sanftheit und Gemeinschaft in einer Zeit der Dispute. Dabei nehmen die Darstellenden feinnervig jede Note der Musizierenden auf, beleben, verstärken und reduzieren. Klassische Klänge treffen auf zeitgenössischen Tanz, inspirieren Bewegung kraftvoller, fast kämpferischer Körperlichkeit. Da wird wild gesprungen, emotionsstark gebebt, sinnlich sehnsuchtsvoll ausgeharrt. Chaos sucht mitreißend Ordnung und umgekehrt. Brunelle gründete die Compagnie 2009 als „choreografischen Organismus“, um Künste und Tanzschaffende zusammenzubringen - auf der Basis von Musik. Die 42-Jährige bezeichnet sie als erste Quelle der Inspiration, die wiederum die Konstruktion des Stücks leite, dessen Absicht, Raumkonzept, Intensität, Rhythmus, Pause, ja Botschaft. Die ist in der Regel gesellschaftspolitisch. Wie bei allen drei Stücken aus dem Osten Kanadas.
„Generell halten gesellschaftspolitische Themen wieder mehr Einzug in Choreografien, auch das Thema Gemeinschaft“, betont Meinrad Huber. „Die Kunstschaffenden aus Québec sind gerade auch in Sachen zeitgenössischem Tanz konsequenter, radikaler, immer ganz vorne dabei.“
Von Petra Mostbacher-Dix
Fröhlicher Schmelztiegel
Amala Dianor versammelt in seinen Arbeiten Menschen und Bewegungssprachen aus aller Welt.
Der französisch-senegalesische Choreograf Amala Dianor liebt das Mischen von Stilen und vor allem von Menschen. Die Kunst überschreitet immer Grenzen. Virtuos gleitet der geborene HipHopper von einer Sprache in die andere, erobert neue Bewegungen. Das passiert sowohl im Frauenduett „M&M“, wo die emotionale Tiefe des zeitgenössischen Stils auf die berauschende Energie des Dancehall aus Jamaika trifft, als auch in „Level Up“, wo Dianor elf junge Clubber aus aller Welt zu einem Ensemble versammelt. Die Reise durch die neuesten Streetdance-Variationen aus Indien, Korea, Südafrika, Frankreich oder den USA wird zur getanzten Utopie einer Welt, wo Breakdance die Antwort auf eine Armbewegung aus dem indischem Kathak gibt. Krump, Waacking, Pantsula, Voguing, Electro Dance oder Coupé Decalé fließen in diesen fröhlichen Schmelztiegel. Der Electro-Soul-Komponist Awir Leon webt dazu treibende Rhythmen in eine warme, traumartige Textur. Am 27. und 28. Juni.
red
Ein Gerippe als Startpunkt für Neues
Wie entsteht ein kollektives Gedächtnis aus individuellen Erinnerungen? Das erforscht der Portugiese Marco da Silva Ferreira mit seiner Kompanie, die gewohnte Erwartungshaltungen in Sachen Hautfarbe, Genderzugehörigkeit oder intakte Körper lässig unterläuft. In Sneakers federt das Ensemble in „Carcaça“ in kleinen, rasanten Schritten wie beim Clubbing oder Street Dance. Dabei mischen sich immer wieder die Traditionen, die in den einzelnen Körpern stecken - die stolze portugiesische Folklore, die Erdverbundenheit afrikanischer Tänze, der amerikanische Moonwalk der 1980er. Was bleibt von damals, wie wird aus Solitären eine synchrone Gruppe? „Carcaça“ untersucht, ob der Tanz die neuen Bewegungen aufnehmen und integrieren kann, die vielleicht auf der Straße entstanden sind, oder ob er dafür mit einer autoritären Vergangenheit brechen muss. Soll man sein Erbe bewahren oder sich davon trennen? Das Wort „Carcaça“ bedeutet „Gerippe“ oder „Wrack“, meint aber auch das Gestänge, an dem sich vielleicht etwas Neues aufhängen lässt. Marco da Silva Ferreira wurde übrigens von Hofesh Shechter entdeckt. Zu sehen am 8. und 9. Juli.
red