Was haben der Aktienmarkt, Medikamente gegen Magenleiden und Kritik am lauen TV-Formaten miteinander zu tun? Nichts, werden Sie sagen. Stimmt - aber nur zum Teil. Wenn Harald Schmidt auf einer Live-Bühne in Fahrt kommt, passen diese eher abwegig klingenden Themen auf unterhaltsamste Art und Weise zusammen. Seit 2012 ist er nicht mehr als Late-Night-Talker auf dem Sender. Der Quirin Privatbank ist es jedoch gelungen, ihn für die Gesprächsreihe "Unter uns“ nach Stuttgart ins Haus der Wirtschaft zu holen, exklusiv für Kunden und Gäste. Wer dabei war, muss unweigerlich zu dem Schluss kommen: So gut aufgelegt, wie Harald Schmidt an dem Abend war, würde er der TV-Branche immer noch sehr gut tun.
Die Reihe "Unter uns“ der Quirin Privatbank feierte mit der zehnten Ausgabe ein kleines Jubiläum. Schmidt war bereits 2018 zu Gast, in den vergangenen Jahren aber auch Gäste wie die Schauspielerin Natalia Wörner, der Autor Wolfgang Schorlau oder der Gastronom Vincent Klink. Von Beginn an Moderator war und ist Stefan Siller, der die Gabe besitzt, den Talk präzise und gelassen zugleich zu begleiten. Zumal, wenn Harald Schmidt neben einem sitzt.
Solche Formate leben von Persönlichkeiten, die etwas zu erzählen haben - und vor allem laut denken können. Schmidt kann das. Und er kann vom Kulturkampf zur globalen Kapitalmarkttheorie springen, von Talkshows zu seinen "Traumschiff“-Engagements, ohne dass der Faden reißt. Im Gegenteil: In diesen scheinbaren Abschweifungen liegt seine eigentliche Stärke.
Was ihn darüber hinaus auszeichnet: Von der ersten Sekunde ist er präsent. Und er überschreitet auch gern die Grenzen des politisch Korrekten. Etwa, wenn es um die "Funktion des Hintergrundstehers“ geht, die der Pressesprecher von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius ausfülle. "Großartig, wie er das macht." Oder, wenn er Josef Stalin zitiert, der gesagt haben soll, "entscheidend ist nicht, wer wählt, sondern wer auszählt".
CEO Quirin Privatbank
Kaum ist der Gag verdaut, folgt, scheinbar mühelos, ein Themenwechsel: Glücksrankings, Finnland, die deutsche Leistungsgesellschaft. Schmidt beschreibt das mit exakt der Mischung aus Übertreibung und Beobachtung, die ihn bekannt gemacht hat. Er legt beeindruckende Eloquenz an den Tag - und er ist ein Meister des Timings. Die Pointe sitzt nie dort, wo sie erwartet wird, sondern leicht versetzt - und gerade deshalb trifft sie.
Der besondere Reiz des Abends liegt ohnehin weniger in den einzelnen Themen als in der Art, wie sie ineinanderfließen. Fernsehen wird verhandelt, aber nicht theoretisch, sondern praktisch: über Werbung, über Zielgruppen, über den alternden Zuschauer vor der Tagesschau. Wenn Schmidt minutenlang über Verdauungspräparate und Treppenlifte spricht, dann ist das mehr als Kabarett. Es ist Medienanalyse im Gewand der Groteske.
Und dann, ohne Vorwarnung, ist man mittendrin im Kapitalmarkt. ETF statt Einzelaktie, Diversifikation statt Dividende - wer hätte gedacht, dass bei einem Abend auf Einladung einer Privatbank so munter über Geld diskutiert wird. Die Mischung aus Ironie, Zynismus und Ernst tut dem Thema gut. "Das Geld ist ja nicht weg, es hat nur jemand anderes", sagt Schmidt, angesprochen auf das jüngste Dax-Beben, als das Börsenbarometer unter die Marke von 23.000 Punkten und sogar unter 21.000 Punkte rasselte.
Wenn Schmidt über Börsenfloskeln spricht -"die Märkte fassen Vertrauen" -, wird daraus eine Parabel über die Sprache der Ökonomie. Märkte als empfindsame Wesen, die es zu streicheln gilt - das ist natürlich Nonsens, aber ein aufschlussreicher.
Die Medien kommen nicht ungeschoren davon. Fernsehkorrespondenten, langatmige Themenspecials oder politische Rituale - alles wird mit leichter Hand seziert. Sehr treffend: die Beschreibung jener immer gleichen Gäste bei Illner. Maischberger & Co., bei deren Auftreten "ich vorher weiß, dass nichts passiert", wie Schmidt sagt. Das ist keine Bosheit, eher eine Form von Zuneigung zur eigenen Branche, die durchscheint. Schmidt kennt das System - es hat ihn über Jahre gut ernährt.
Stuttgarter Comedian
Stefan Siller bleibt dabei der ruhige Gegenpol. Er stellt kurze Fragen, greift selten ein, drängt sich nie in den Vordergrund. Hier geht es nicht um das klassische Interview, sondern um ein Gespräch, das sich entwickeln darf. "Unter uns“ ist dabei weniger Titel als Programm. Es geht um Nähe, um ein Format irgendwo zwischen großer Bühne und Vier-Augen-Gespräch.

Dass dabei auch das Persönliche nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst. Schmidt spricht über seine Laufbahn, über den Weg vom Schauspiel am Staatstheater in Stuttgart zur Unterhaltung, über das Älterwerden - und auch übers Geld. Er sei "Privatier mit abgeschlossener Vermögensbildung“, sagt er - und lächelt in sich hinein. Alles mit der gleichen lakonischen Selbstverständlichkeit, für die ihn bis heute viele schätzen.
Zehnmal "Unter uns“ - das ist große Unterhaltung im kleinen, aber feinen Rahmen. Eine Reihe, die sich in einer Welt, die nur auf Aufmerksamkeit, Geschwindigkeit und Zuspitzung getrimmt ist, Zeit nimmt. Für Abschweifungen. Für Umwege. Für Gedanken, die nicht sofort auf den Punkt kommen müssen. Schmidt liefert da den idealen Konterpart. Er ist gleichzeitig Teil und Kommentator der Gesellschaft, die er beschreibt. Er weiß, wie Unterhaltung funktioniert - und wann man sie unterlaufen muss.
rab