Von Bad Cannstatt aus fördert die Gips-Schüle-Stiftung Wissen und Bildung in ganz Baden-Württemberg. Jährlich schüttet die gemeinnützige Stiftung, die 1965 gegründet wurde und deren Vermögen aus Gipsfabriken stammt, rund eine Million Euro aus. Mit dem Geld werden Kinder und Studierende, Hochschulen, schung und talentierte und motivierte junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützt. Die Gips-Schüle-Stiftung sei nicht vergleichbar mit der Volkswagen- oder der Bertelsmann-Stiftung, sagt der Stiftungsvorstand Stefan Hofmann. Er betont: „Wir sind viel kleiner aufgestellt, schütten aber dennoch ein beträchtliches Fördervolumen aus.“
Zur Zeit der Industrialisierung herrschte auch beim Ehepaar Eduard und Marie Schüle aus Esslingen Aufbruchstimmung. Der Sohn eines Gastwirts und Ziegeleibesitzers, der einen Lederhandel betrieb, und die vermögende Bäckerswitwe setzten auf Gips. Da die Bevölkerung sehr schnell wuchs, war der Bedarf an neuen Wohnhäusern groß und damit auch am Baustoff Gips. 1890 beteiligten sich die Schüles an einem Cannstatter Gipswerk in der Haldenstraße 70. Schon ein Jahr später kauften sie dem Mitbesitzer alle Anteile ab und gründeten die Firma „Eduard Schüle Gipsfabrik“.
Die Firma wuchs, das Geschäft boomte
Mit der Gipsfabrik kaufte das Ehepaar den Steinbruch im Kreutelstein zusammen mit besonders gipshaltigen Grundstücken in Cannstatt sowie das 1870 erbaute Wohn- und Geschäftshaus in der Hallstraße 69. Und das Gipsgeschäft boomte. Im Jahr 1903 erwarben die Schüles das zweite Gipswerk Kienbach in Cannstatt, das viel näher am Steinbruch auf der anderen Neckarseite lag. Die Erhaltung der Naturlandschaft war den Schüles schon damals wichtig. Auf rekultivierten Flächen wurde Wein angebaut, denn die Schüles waren nicht nur Gipsunternehmer, sondern auch Weingärtner.
Als Eduard Schüle 1915 starb, übernahmen die Söhne Emil und Bruno das Gipsgeschäft. Die drei Töchter waren nicht im Unternehmen aktiv. 1910 beteiligte sich Emil in Eltingen bei Leonberg an der großen Gipsfabrik „Eppinger & Schüle“. 1925 entstand die dritte Gipsfabrik „Im Thal“ in Cannstatt, direkt neben der bestehenden Gipsfabrik der „Stuttgarter Gipsgeschäft AG“ an der Gemarkungsgrenze zu Untertürkheim. Außerdem wurden Grundstücke in Altingen und Herrenberg gekauft und weitere Gipsfabriken in Entringen, Breitenholz, Ottendorf, Roigheim, Deisslingen mit übernommen oder in Altingen 1928 neu gebaut, die große Teile Baden-Württembergs belieferten.

Zu Zeiten des Baubooms beschäftigten die Schüles im größten Werk in Eltingen bis zu 100 Mitarbeitende. Mitte des 20. Jahrhunderts wuchs durch Kraftwerkgips die Konkurrenz für die Naturgipsproduktion. Die Brüder Emil und Bruno Schüle hatten keine Nachkommen und kein Interesse, in neue Gipsabbauflächen und Fabriken zu investieren. Ab 1963, mit der Stilllegung des dritten Gipswerks in Cannstatt, begann die Renaturierung mit dem Auffüllen der Steinbrüche und dem Anlegen weiterer Weinberge, die bis heute von den Familienweingütern Aldinger und Wöhrwag bewirtschaftet werden. Die Gipsproduktion in den Schüle-Werken endete im Jahr 1977.
Vermögen für die Betriebsangehörigen
Emil Schüle starb 1956, sein Bruder Bruno 1972. Beide hatten zuvor verfügt, dass das Betriebsvermögen in eine Stiftung überführt werden sollte. Zweck der Stiftung war zunächst die Fortführung der Schülerunternehmen und die Zuführung der Erträge des Stiftungsvermögens an die Betriebsangehörigen. Bis zu seinem Tod 1972 leitete Bruno Schüle die Stiftung, deren Vermögen Wohn- und Gewerbeimmobilien sowohl im Stadtgebiet Stuttgart als auch in der Umgebung sowie die verpachteten Weinberge in Untertürkheim umfasst. 1979 war der Stiftungszweck nahezu erfüllt.
Weil der „Techniker“ Emil Schüle früh eine Affinität für Wissenschaft entwickelt hatte und 1929 Mitunterzeichner einer Denkschrift zur Gründung des Instituts für Technische Physik an der TH Stuttgart war, dem heutigen Fraunhofer-Institut für Bauphysik, entschied der Stiftungsvorstand, das Engagement zu erweitern, und zwar auf die Gebiete der Forschung und Entwicklung neuer Baustoffe und neuer Bauverfahren umweltverträglicher Art. Ein erster Kooperationsvertrag wurde 1979 mit der Fraunhofer-Gesellschaft geschlossen und 1983 ein eigenes Gebäude mit der GipsSchüle-Abteilung am Fraunhofer-Institut für Bauphysik gebaut.
2010 wurde der Stiftungszweck neu ausgerichtet und auf die Förderbereiche Wissenschaft, Forschung, Nachwuchs und Lehre ausgeweitet mit Schwerpunkt auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Seit 2013 werden Forschungspreise im Bereich Technik und Lebenswissenschaften vergeben. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, die Arbeit von sehr talentierten und hochmotivierten jungen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen mit dem Nachwuchspreis auszuzeichnen und damit ihre wertvolle Arbeit zu unterstützen“, sagte Stiftungsvorstand Hofmann bei der jüngsten Verleihung der mit jeweils 10.000 Euro dotierten Preise an die Molekularbiologin Mai P. Tran und den Physiker Joel Kuttruff im Juli in Konstanz.
Von Eva Herschmann