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Bad Cannstatt im Wandel: Die Innenstadt der Zukunft ist ein Lebensraum“

HGV-Vorsitzender Gerhard Bach über Zukunftskonzepte für die Altstadt, Leerstände, Einzelhandel, Stadtmarketing, Nachfolge und die Marktstraße 2035

Bad Cannstatt im Wandel: Die Innenstadt der Zukunft ist ein Lebensraum“

In Bad Cannstatt braucht es neue Konzepte und frische Ideen für die Innenstadt. Fotos: Eva Herschmann

Der Handel muss Bestandteil eines Gesamterlebnisses sein, sagt Gerhard Bach, der Vorsitzende des Gewerbe- und Handelsvereins/Vereins für Dienstleistung und Freie Berufe in Bad Cannstatt.

Die Altstadt von Bad Cannstatt hat sehenswerte Winkel und Ecken und romantische Gässchen. Doch hinter den gut erhaltenen Fachwerkfassaden bröckelt es. Für Gerhard Bach, den Vorsitzenden des Gewerbe- und Handelsvereins/Vereins für Dienstleistung und Freie Berufe in Bad Cannstatt, steht fest, dass es neuer Konzepte und frischer Ideen für die Innenstadt bedarf.

Herr Bach, die Konjunktur schwächelt, die Kaufkraft der Menschen schwindet. Wie kann der stationäre Einzelhandel auf Dauer bestehen?

Der stationäre Handel wird den Preiswettbewerb mit dem Onlinehandel langfristig nicht gewinnen, das ist auch nicht seine Aufgabe. Die eigentlichen Wettbewerbsvorteile liegen in der persönlichen Beratung, dem Vertrauen, der sofortigen Verfügbarkeit, dem Kauferlebnis, der Atmosphäre, Begegnungen und regionaler Identität. Die Innenstadt verkauft weniger Produkte als vielmehr Aufenthaltsqualität. Menschen fahren nicht nach Bad Cannstatt, um Toilettenpapier oder Batterien zu kaufen, dafür gibt es den Onlinehandel. Sie kommen, um einen schönen Vor- oder Nachmittag zu verbringen, auf dem Wochenmarkt, im Café, beim Einkaufen, Essen, Flanieren und bei Veranstaltungen. Der Handel muss Bestandteil eines Gesamterlebnisses sein. Die Innenstadt der Zukunft ist kein Einkaufszentrum, sondern ein Lebensraum.

Unternehmen aus der Region

Zwar gibt es keinen signifikanten Leerstand rund um den Marktplatz, aber ein Wandel ist zu beobachten. Wo alteingesessene Geschäfte zumachen, werden die Lücken selten gleichwertig gefüllt.

Der Grund ist wirtschaftlich einfach: Ein Modegeschäft benötigt hohe Investitionen, Personal, Warenlager, große Verkaufsflächen, Schaufenster, Dekoration, lange Öffnungszeiten und birgt insgesamt hohe Risiken. Ein Nagelstudio oder Wettbüro braucht deutlich weniger Kapital, Personal, kaum Lagerhaltung, geringe Einrichtungskosten und damit kleinere Umsätze zur Kostendeckung.

Kann man diese Entwicklung aufhalten?

Verbieten kann man diese Geschäfte kaum, also muss man attraktivere Alternativen schaffen. Dazu gehören beispielsweise ein aktives Ansiedlungsmanagement. Das heißt, nicht warten, bis sich jemand meldet, sondern gezielt interessante Konzepte ansprechen, beispielsweise regionale Produkte und Manufakturen, Buchhandlungen mit Leseecken für Kinder, Lesungen mit Autoren, Espressobars, (hoch-)wertige Gastronomie, Concept Stores oder Pop-up-Konzepte, alles konzeptionell eingebunden in Konsumerlebnisse wie „Weinreise mit Literatur“ oder (Blind-)Verkostungen örtlicher Produkte. Auch ein aktiv gemanagtes digitales Leerstandskataster, plus aktive Vermittlung zwischen Eigentümern, Existenzgründern, Investoren kann viel bewirken.

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Viele gute Ideen scheitern nicht am Konzept, sondern an Mietkosten, Umbaukosten, Finanzierung, Vertragslaufzeit, Instandsetzungskosten, Genehmigungen. Ein Innenstadtfonds, Anschubförderungen und ein Behördenlotse könnten helfen, ebenso wie kommunale Bürgschaften für die Mietkaution, kostenlose Beratung und Begleitung etwa durch „Senioren der Wirtschaft“. Auch Immobilienbesitzer tragen Verantwortung. Nicht jede kurzfristig höchste Miete verbessert langfristig den Wert einer Straße. Ein hochwertiger Branchenmix, Sicherheit, Sauberkeit, gute Aufenthaltsqualität steigern letztlich auch den Immobilienwert.

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Welche Impulse kann der HGV geben?

Gerhard Bach
Gerhard Bach

Hier liegt vermutlich unsere wichtigste zukünftige Aufgabe, nicht nur Veranstaltungen zu organisieren, sondern auch das Standortmanagement. Bad Cannstatt braucht eine klare Identität. Eine starke, positive, sichtbare Marke zieht Besucher aus dem Stadtbezirk, aus Stuttgart und dem Umland an. Zudem werden die vielen Millionen Besucher von Veranstaltungen auf dem Wasen, im Stadion oder in den Hallen auf den Bezirk aufmerksam, konsumieren mehr und machen den Bezirk lebendiger. Dabei helfen ein gemeinsames Marketing der Einzelhändler mit Kampagnen, Social Media, Kundenkarten, Gutscheinsystem und regelmäßige Frequenzbringer wie Wein- und Abendmärkte, Musik, After-Work-Events, Kunst- und Kulturveranstaltungen, Winterangebote, verkaufsoffene Sonntage oder lange Einkaufsabende. Jeder Anlass schafft Besucher. Ein professioneller Citymanager könnte Eigentümer, Händler, Gastronomie, Verwaltung, Kultur regelmäßig zusammenbringen.

Welche Rolle spielen die Parkplatzsitua-tion rund um die Einkaufsstraßen der Altstadt und die vielen Baustellen?

Eine größere, als viele denken. Bad Cannstatt ist hervorragend mit Bus, Regionalverkehr, S- und U-Bahn erreichbar. Dennoch kommt ein erheblicher Teil der Kundschaft aus dem Umland. Wenn das Parken kompliziert erscheint, Baustellen Umwege erzeugen, Beschilderung fehlt und Fußwege unübersichtlich werden, entscheidet man sich häufig gegen die Innenstadt. Noch schwerer wiegen langjährige Baustellen aber wegen der Unsicherheit. Menschen meiden Bereiche, die dauerhaft „provisorisch“ wirken. Deshalb sind gute Baustellenkommunikation, attraktive Umleitungen, klare Wegweisung, gemeinsames Marketing fast genauso wichtig wie die Baustelle selbst.

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Manche Inhaber suchen vergeblich nach Nachfolgern, die ihr Geschäft weiterführen. Was schlagen Sie vor?

Hier treffen mehrere Entwicklungen zusammen: alternde Unternehmer, Fachkräftemangel, veränderte Lebensentwürfe, hohe Arbeitsbelastung und geringe Margen. Der GHV zusammen mit der Wirtschaftsförderung, freien Beratern, Schulen, Einrichtungen könnte hier zu einer Plattform werden: Nachfolgebörse, Unternehmerstammtische, Mentoring, Kooperation mit Hochschulen, Kooperation mit Berufsschulen, Gründerprogramme und Praktikumsbörsen, viele potenzielle Nachfolger kennen die Möglichkeiten schlicht nicht.

Vor allem die junge Generation kauft häufig online. Wie bekommen Sie die Jungen wieder dazu, mehr vor Ort zu shoppen?

Nicht mit der Botschaft „Kauft lokal“, das überzeugt kaum jemanden. Junge Menschen suchen Erlebnisse, Gemeinschaft, Authentizität, Nachhaltigkeit, Individualität. Deshalb braucht es Instagram-taugliche Orte, Popup-Stores, Street Food, Kultur, Musik, Festivals, kreative Gastronomie, Vintage, Second-Hand, Makerspaces und lokale Marken. Wenn die Innenstadt spannend wird, kommt der Einkauf fast automatisch, nicht umgekehrt. Wie ich schon gesagt habe: Die Stadt ist ein Lebensraum für alle. Wenn wir die Jugend wieder bekommen wollen, muss es für diese Zielgruppe auch attraktiv sein.

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Zum Schluss, ein kleiner Blick in die Glaskugel: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Cannstatter Marktstraße im Jahr 2035 aus?

Hier gibt es zwei denkbare Szenarien. Zum einen „,Weiter wie bisher“: Wenn nichts geschieht, nimmt der klassische, inhabergeführte Einzelhandel weiter ab. Es dominieren Filialisten, Fast Food, Wettbüros, Sportsbars oder Nagelstudios, oft mit kurzfristigen Nutzungen. Die Besucherzahlen stagnieren, die Aufenthaltsqualität sinkt, die Innenstadt verliert an Identität.

- Das traditionsreiche Schuhaus Strohm schloss im vergangenen August nach 156 Jahren.
- Das traditionsreiche Schuhaus Strohm schloss im vergangenen August nach 156 Jahren.

Szenario 2 wäre „Die Renaissance“. Bad Cannstatt erkennt seine Stärken als eigenständige historische Stadt mit unverwechselbarem Charakter. Die Marktstraße entwickelt sich zu einer lebendigen Mischung aus regionalem Einzelhandel, vielfältiger Gastronomie, Kultur, Kunsthandwerk, historischem Erleben, Wochen- und anderen Märkten, Dienstleistungen sowie Wohnen. Es gibt ein „Cannstatt-Merchandising“, Begegnungs- und Aktionsräume, einen Fußballtreffpunkt als weiß-rotes Herz von Stuttgart, konsumfreie Zonen und Angebote für Tourismus, der Wochenmarkt wird durch Zusatzangebote weiter gestärkt und der Neckar mehr in die Innenstadt eingebunden. 

Vom Neckarufer über Marktplatz und Marktstraße bis zum Wilhelmsplatz und vom Mercedes Benz Museum über den Neckarpark, das Bahnhofsquartier zum Wilhelmsplatz entsteht eine zusammenhängende Erlebnisachse, und Bad Cannstatt profitiert von seinen Alleinstellungsmerkmalen: der historischen Altstadt, den Mineralquellen, dem Weinbau, der Nähe zum Neckar - und von Wasen, Wilhelma, Mercedes Benz Museum und MHP Arena mit über 11 Millionen Besuchern pro Jahr. Das Gespräch führte Eva Herschmann.