Das Kino-Café ist ein beliebter Treffpunkt. Organisiert vom Cannstatter Bezirksamt in Kooperation mit dem Anna Haag Mehrgenerationenhaus finden einmal im Monat im Bezirksamt am Marktplatz zehn Vorstellungen statt, und zum Filmvergnügen gibt es einen gemütlichen Austausch bei Kaffee und Kuchen. Am Montag, 15. Juni, Beginn 14 Uhr, läuft die 159. Vorstellung. Gezeigt wird die nostalgische Filmkomödie „,Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“, die einst auch im Lichtspielhaus in der Seelbergstraße 11-13 gelaufen sein könnte, das längst Filmgeschichte ist.
Anna Steffen hat ein Freiwilliges Soziales Jahr im Stuttgarter Stadtarchiv absolviert. In dieser Zeit hat sie sich auf die Spuren der bewegten Cannstatter Kinogeschichte gemacht. Die erste Kino-Klappe fiel demnach am 21. Dezember 1907. Unter dem Namen „Kinematograph National“ eröffnete der Geschäftsmann Wilhelm Nagel an diesem Samstag kurz vor Weihnachten im Parterresaal der Gastwirtschaft Schwabenbräu in der Bahnhofstraße 18 das erste Lichtspielhaus Cannstatts. Gezeigt wurden kurze Filme wie „Aschenbrödel“ oder „Liebe und Küchengeschirr“, die das Publikum begeisterten.
Ständig neue Spielorte
Der Erfolg war so groß, dass der Kinematograph schon drei Monate später, im März 1908, in größere Räume in der Seelbergstraße 12 zog. Dort wurde unter der Woche gespielt und sonntags weiterhin im Schwabenbräu. Fast so schnell wie das Programm wechselten zunächst die Spielorte. Ein halbes Jahr, zwischen November 1909 und April 1910, zog der Kinematograph in die Marktstraße 8. Am 3. September 1910 wurde das Kino mit „hochgewölbtem Zuschauerraum“ und„gehobener Ausstattung“ dann an zentraler Stelle in der Bahnhofstraße 17, direkt gegenüber dem Bahnhof, feierlich eröffnet.
Die Kinolandschaft Cannstatts veränderte sich. 1911/1912 gründete sich die „,Vereinigte Kinematographentheater Cannstatt, Esslingen, Reutlingen, Rottweil GmbH“, mit Wilhelm Nagel an der Spitze als Geschäftsführer und treibender Kraft und mit großen Plänen. Im Oktober 1913 erwarb die Gesellschaft das Anwesen Seelbergstraße 11 mit dem Ziel, dort ein modernes Kino zu errichten. Bereits acht Tage nach dem Kauf reichte die GmbH den ersten Bauantrag für einen einstöckigen Kinoanbau an das bestehende Wohn- und Geschäftshaus ein. Der Architekt Ludwig Hanauer entwarf einen Saal, der den neuesten Sicherheitsstandards entsprach: mit besonderem Augenmerk auf Feuerfestigkeit und Fluchtwege aufgrund von mehreren Brandvorfällen in deutschen Kinos.


Doch es gab Hürden - bürokratische und nachbarschaftliche. Während der Kino-Betrieb am Bahnhof weiterlief, stagnierten die Pläne für einen Neubau. Im Sommer 1918 reichte die GmbH neue Baupläne ein: Diesmal für einen kompletten Neubau, einem vierstöckigen Wohnund Geschäftshaus mit Kino und angeschlossener Gastwirtschaft. Der Bauantrag wurde im Herbst genehmigt und nun entstand das Gebäude, das für viele Jahre das Gesicht des Cannstatter Kinos prägte.
Inhaltlich veränderten sich nach dem Ersten Weltkrieg die wirtschaftlichen und betrieblichen Zustände des Kinos in Bad Cannstatt grundlegend. Die „Vereinigte Kinematographentheater Cannstatt, Esslingen, Reutlingen, Rottweil GmbH“, die seit 1911 den Kinobetrieb in Cannstatt geprägt hatte, hörte auf zu existieren. 1922 übernahm die „Münchner Lichtspielkunst A.G.“, auch bekannt als „,Emelka-Konzern“, den Kinematographen in der Seelbergstraße und führte den Betrieb weiter - Nagel blieb dabei als Mitglied des Aufsichtsrats am Leben„seines“ Kinos beteiligt.
Bis 1927 war der Kinematograph Teil des Münchener Konzerns, dann übernahm Elisabeth Renkenberger das Kino. Am 22. Juli 1931 meldete sie Konkurs an. Der neue Besitzer Heinz Adolph eröffnete am 5. September 1931 den „Filmpalast“ - nun erstmals als Tonfilm-Theater mit modernster Technik, das „Cannstatt an die Zeit anschließen sollte“. Es gab nun einen Reklameschaukasten am Eingang und kostenlose Eintrittskarten für Arbeitslose sowie ermäßigte Preise für sozial schwächere Gruppen. Die Ära Adolph währte nur kurz. Im Zuge der Arisierungspolitik wechselte das Kino 1935 zwangsweise den Eigentümer: Der Stuttgarter NS-Kurier meldete, dass der „Filmpalast Bad Cannstatt nicht mehr in jüdischen Händen“ sei. Ab 1. September 1935 ging der Betrieb offiziell an die Palast-Lichtspiele A.G., die auch vorher schon das Grundstück kontrollierten.
Das letzte Kapitel des Cannstatter Filmpalasts beginnt im Schutt der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs. Zwei Jahre nach Kriegsende ersuchte die Stuttgarter Bau A.G., die 1936 die Grundstücke des Filmpalasts erworben hatte, den Wiederaufbau des Lichtspieltheaters.
Schließlich sehnten sich die Menschen nach einem Ort der Zerstreuung und Unterhaltung. Diesmal scheiterten die Pläne an den Bausperren der Nachkriegszeit, die von Materialmangel und strengen Auflagen geprägt war.
Mit überarbeiteten Plänen wurde Anfang der 50er Jahre ein zweiter Anlauf gestartet, und Ende 1952 wurde der neue Filmpalast in der Seelbergstraße 11 und 13 mit 950 Sitzen, inklusive mehrerer Logen, wiedereröffnet - diesmal aber zum letzten Mal.
Doch bis zum Abriss des Gebäudes im Jahr 1972 erfreuten sich viele Cannstatterinnen und Cannstatter an heiteren und spannenden Filmen, womöglich auch an der österreichischen Verwechslungskomödie mit Heinz Erhardt, Karin Dor und Harald Juhnke – „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“.