
Die Tagesordnung der Vorstandssitzung des Cannstatter Volksfestvereins ist umfangreich, schließlich nähert sich der Jahreshöhepunkt: Vom 26. September bis 12. Oktober findet das 178. Cannstatter Volksfest statt. Krönung aller Aktivitäten ist der große Festumzug am Sonntag, 28. September, mit mehr als 100 Gruppen, rund 3000 Teilnehmenden und 300 000 Zuschauenden auf dem Weg vom Kursaal zum Wasen - und noch mal so vielen, die das bunte Spektakel an den Fernsehschirmen im ganzen Land verfolgen.
Planung und Vorbereitung haben die Mitglieder des Volksfestvereins monatelang in Anspruch genommen, und am Festtag selbst werden rund 300 Helfer benötigt. Die Gruppen müssen am frühen Morgen empfangen werden, die Strecke muss mit Verkehrsschildern abgesichert, die Häuser müssen dekoriert, Umkleidemöglichkeiten geschaffen, Zelte zugewiesen, Parkplätze abgesteckt, Tiere versorgt, Festwagen dekoriert und Ehrengäste betreut werden.


„Der Umzug dauert rund zwei Stunden, das ist eine angenehme Zeit für die Zuschauer am Straßenrand und passt für die Fernsehübertragung“, sagt Wulf Wager. Er hat in diesem Frühjahr den Vorsitz im Volksfestverein von Robert Kauderer übernommen, der drei Jahrzehnte mit Engagement und unermüdlichem Einsatz dieses Amt ausgefüllt hat. Als Ehrenvorsitzender steht er dem Verein weiterhin mit Rat und Tat zur Seite, ebenso seinem Nachfolger, dem Volksfesthistoriker Wulf Wager, der als „Umzugsmarschall“ den Umzug gestaltet. Wager kennt das Fest seit mehr als 30 Jahren wie kaum ein anderer und hat sein Wissen im Buch „Cannstatter Volksfest Vom Landwirtschaftsfest zum Mega-Event“ niedergeschrieben.
Verein kümmert sich um Traditionen und Brauchtum auf dem Volksfest
Im Jahr 1818 wurde das Volksfest als „landwirthschaftliches Fest zu Cannstatt“ von König Wilhelm I. und seiner Frau Katharina gestiftet, um den Bauern nach zwei schlimmen Hungerjahren, verursacht durch eine globale Klimaveränderung infolge des Ausbruchs des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815, Hoffnung und Motivation zu geben.
Mittlerweile findet das Landwirtschaftliche Hauptfest nur noch alle drei Jahre statt, das Cannstatter Volksfest aber hat sich zum größten Fest des Landes entwickelt, das im vergangenen Jahr mit rund 4,6 Millionen Gästen aus nah und fern, einen neuen Besucherrekord aufgestellt hat. Die Fruchtsäule als Symbol für die landwirtschaftlichen Wurzeln des Fests ist dem Cannstatter Volksfestverein zu wenig. Seit 1994 kümmern sich seine engagierten Mitglieder deshalb um die Traditionen des mehr als 200 Jahre alten Volksfests auf dem Wasen.
Auf Initiative der Stadträte Robert Kauderer und Günther Willmann, des Cannstatter Heimatkundlers Hans Otto Stroheker, des Festwirtes Wolfgang Lochmann und des Ehren-Schaustellerpräsidenten Wilhelm Stamer fanden sich vor 31 Jahren einige heimatverbundene Cannstatter zusammen, um einen „Cannstatter Volksfestverein“ zu gründen. Den Ausschlag zur Gründung des Vereins gab das anstehende 150. Cannstatter Volksfest 1995, das mit einer neu gestalteten Fruchtsäule und einem großen Festzug gefeiert werden sollte und von dem noch jungen Verein damals mit initiiert wurden.
Rund 600 Vereinsmitglieder pflegen ein reges Vereinsleben
Der satzungsgemäße Auftrag des Vereins ist die Erhaltung und Förderung des Volksfestbrauchtums, dazu zählen unter anderem die historische Gestaltung der Fruchtsäule, die Durchführung von Festumzügen, Veröffentlichungen über die Festgeschichte, die Wahrung des Gedenkens an den Gründer des Landesfestes und an die Geschichte Cannstatts.
Schnell waren Mitstreiter aus den Reihen der Cannstatter Honoratioren, der Wasen-Schausteller, der Ämter und Behörden und des Hauses Württemberg gefunden. Dessen Chef, Carl Herzog von Württemberg, übernahm die Präsidentschaft des Cannstatter Volksfestvereins. Heute ist er Ehrenpräsident und sein Sohn Michael Präsident. Mittlerweile ist der Volksfestverein auf rund 600 Mitglieder angewachsen und pflegt ein reges Vereinsleben.
Es gibt eine Trachtengruppe, die Stadtgarde zu Pferd Stuttgart 1652 und eine Kindergruppe, die natürlich alle beim großen Volksfestumzug mit dabei sind - ebenso wie der Wasenhasi, der gleich nach der Landesstandarte marschiert.