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200-Jahr-Jubiläum der Cannstatter Zeitung: Die Heimat durchs Panoramafenster

Zum Jubiläum gehen Leserinnen und Leser auf eine nostalgische Reise mit einem Oldtimerbus durch die Neckarvororte.

200-Jahr-Jubiläum der Cannstatter Zeitung: Die Heimat durchs Panoramafenster

Die Reisegruppe erlebte die Neckarvororte aus einem anderen Blickwinkel. Fotos: Eva Herschmann

 Die Reisegruppe hat im Vorbeifahren ein Lächeln in die Gesichter von Menschen gezaubert. Das lag am fahrbaren Untersatz, mit dem die Leserinnen und Leser der Cannstatter und Untertürkheimer Zeitung auf der Jubiläums-Rundfahrt unterwegs waren. Die Fahrt im Oldtimer-Reisebus namens „Sonja“, Baujahr 1963, war ein Erlebnis manchmal ein wenig abenteuerlich, vor allem aber nostalgisch.
Die Lady ist 61 Jahre alt und hat einiges auf dem Kasten. 110 Pferdestärken ziehen den Reisebus, der zehn Tonnen - ohne Passagiere - wiegt. Das Automobil der Marke Mercedes Benz besitzt Panoramafenster, hat aber keine Servolenkung. Ihrem Fahrer und Besitzer Josef Albrecht macht „Sonja“ so das Leben nicht leicht. 

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Dafür ist sie mit Stil unterwegs und hatte viele erwartungsfrohe Leserinnen und Leser an Bord. Die mehrstündige Tour, die am Kar-lBenz-Platz in Untertürkheim begann, wurde von Historiker Olaf Schulze mit Fachwissen, Lokalkolorit und Augenzwinkern moderiert. Dass der Name Untertürkheim nichts mit Türken zu tun habe, sondern wohl auf die Ansiedlung einer alemannischen Sippe zurückgeht, deren Häuptling den Namen „Duringoheim“ trug, erklärte Schulze bevor es den Berg hinauf ging. Vorbei an der Kelter vom Collegium Wirtemberg und der Grabkapelle auf dem Württemberg, dem „schwäbischen Taj Mahal“, sagte Olaf Schulze.
Sicher steuerte Albrecht seine„Sonja“, die er vor 23 Jahren in der Schweiz für 500 Franken gekauft hatte, wo sie 25 lange im Linien- und Reiseverkehr unterwegs gewesen war, durch die engen Gassen von Uhlbach. Und er hatte immer noch eine Hand frei, um beim Vorbeifahren die Grüße winkender Passanten zu erwidern. Dass Josef sein Gefährt so gut im Griff hat, erwies sich bei den vielen Einbahnstraßen wegen der Bauarbeiten an den Neckarbrücken und auch beim Kurvenfahren über enge Weinbergwege als wertvoll. 

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Der Neckar wurde in Stuttgart-Hedelfingen überquert. Die Reisegesellschaft passierte den Hafen und fuhr vorbei an Industrie- und Gewerbeansiedlungen. „Wie mag das wohl vor 200 Jahren ausgesehen haben, als Schafe und Kühe an den Neckarufern grasten?“, fragte Olaf Scholze rhetorisch. Doch beim Anblick der Industrielandschaft mit dem Mercedes-Stern rechts, der EnBW links und dem Gaskessel vor der Nase, müsse man nicht zu sehr in nostalgische Wehmut verfallen. „Dafür gab es hier im 19. Jahrhundert Malaria und Cholera, jede Zeit hat ihre Schwierigkeit.“ Das Hindernis für die muntere Gesellschaft im Bus war an diesem Samstag ein Stau auf der B10. Doch trotz des Verkehrs gelang der Spurwechsel mit „Sonja“ mühelos unter dem Motto: „Blinken und winken“. Irgendwann ging es dann auch die Pragstraße hoch, vorbei an Mahle, am Wizemann-Areal und am Löwentor. 

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„Wir sind noch immer auf Cannstatter Gemarkung“, sagte Olaf Schulze und verriet, dass am Pragsattel einst der Cannstatter Galgen gestanden habe. „Gut sichtbar zur Abschreckung.“
Auf dem Weg zum Burgholzhof lag das alte Robert-Bosch-Krankenhaus, das zu seiner Zeit als sehr fortschrittlich galt, und der Jägerhof, eine empfehlenswerte Weinstube, wie Historiker Schulze erklärte. Weiter ging die flotte Fahrt in den Hallschlag, wo die Römer schon seit 90 nach Christus siedelten, und wo mit dem Steigfriedhof die älteste Begräbnisstätte der Stadt zu finden ist. In der Neckarvorstadt fuhr „Sonja“ vorbei am Gasthaus zum Ochsen, das einen Mineralbrunnen im Gastraum habe, und an der Gaststätte Adler, in der es früher Platz für 100 Pferde gegeben habe, wie der Historiker wusste, der zudem verriet, dass einst ein gewisser Hans Bayer, besser bekannt als Thaddäus Troll, sechs Monate bei der Cannstatter Zeitung volontierte.

 „Sonja“ erklomm den Cannstatter Zuckerberg, und Olaf Schulze erzählte, dass Cannstatt mit seinen 70 000 Einwohnern die 15. größte Stadt in Baden-Württemberg wäre, „wenn sie nicht mit Stuttgart zusammen wär“. Im Kurpark gab es einen kurzen Halt für ein Erinnerungsfoto, und dann ging es auf direkten Weg zurück zum Ausgangspunkt der Tour in Untertürkheim - mit Seitenblick auf das Fußballstadion des VfB Stuttgart und das Daimler-Gelände. Dort fand ein Oldtimer-Treffen statt, auf dem „Sonjas “Vorbeifahrt nicht unbemerkt blieb, denn es wurde fleißig gewunken.

Von Eva Herschmann