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Bad Cannstatt: Wo Fantasie und Realität verschmelzen

Der 73-jährige Bernd Harlem Fischle ist auf dem Seelberg, wie der Stadtteil rund um das Cannstatter Carré heißt, zu Hause. Hier lässt sich der Soulpoet zu seinen Gedichten inspirieren.

Bad Cannstatt: Wo Fantasie und Realität verschmelzen

Mit seinem Kiez, dem Seelberg, ist der Soulhillpoet fest verwurzelt. Fotos: Eva Herschmann

Er ist ein geistiger Revoluzzer, der sich an keine sprachlichen Konventionen hält, aber fest verwachsen mit seinem Kiez in Bad Cannstatt ist, in dem er seit 35 Jahren lebt. Bernd Harlem Fischle, 73 Jahre jung, ist im Seelberg daheim, wie das Viertel rund um das Cannstatter Carré heißt. In der multikulturellen Blase zwischen Backsteingebäuden und Bahnhof ist immer was los, hier holt sich der Soulhillpoet Inspirationen für seine Gedichte. „Ich war immer neugierig, und das bin ich heute noch. Ich will immer Neues entdecken, also sammle ich und schreibe“, sagt Bernd Harlem Fischle. 

Bernd Harlem Fischle kommt eigentlich aus Stuttgart-Ost. In der Nähe des Gaskessels ist er in einer bürgerlichen Stuttgarter Familie – „der Vater war Bankkaufmann, die Mutter Hausfrau“ – aufgewachsen. Eine Notarausbildung beim Nachlassgericht hat er abgebrochen, stattdessen hat er Sozialarbeit studiert. Von 1977 bis 1990 hat er im Jugendhaus im Hallschlag gearbeitet. Das sei quasi der Ritterschlag für seine spätere Tätigkeit bei der Jugendgerichtshilfe gewesen, erzählt er. Ohne Frage, Fischle kennt das Leben in all seinen Facetten, auch den dunklen – und er hat sein Lächeln nicht verloren, schon gar nicht das verschmitzte. 

Die Menschen im Seelberg nennt er „zurückhaltend und kontaktfreudig.“ Das ist kein Widerspruch. Die gibt es ohnehin bei ihm nicht. Der Soulhillpoet nennt sich Eckkneipendichter, weil er in allen seinen neuesten Kurzromanen in Versform im Biereck in der Wörishofener Straße landet. „Dabei trinke ich gar keinen Alkohol.“ Auch nicht, wenn er die Auswärtsspiele seines VfB Stuttgart im Hohenstaufen an der Ecke Taubenheimstraße anschaut. Als Jugendlicher hat er beim Verein für Bewegungsspiele Fußball gespielt, und der VfB ist bis heute sein Herzensverein. Zugleich wurde er mit H.C. Artmann, Wolf Wondratschek oder Peter Handke sozialisiert. „Die wollten damals sein wie die Beatles, ich wollte sein wie sie, und ich bin unmusikalisch.“

Gegensätzlichkeiten des Lebens

Zu all den scheinbaren Gegensätzlichkeiten seines Lebens, die er mühelos vereinbart, passen seine Gedichte inhaltlich. Bernd Harlem Fischle – den amerikanischen Mittelnamen hat er sich gegeben, nachdem er neun Monate lang mit einem Stipendium am „Schomburg Center for Reserach of Black Culture“ in Harlem in New York war, dort mehr gelebt als studiert hat, wie er augenzwinkernd erzählt – verarbeitet in seinen Gedichten, was er sieht und was er sehen will. Beispielsweise die Jungs von The Doors im „Pfiff“ in der Bahnhofstraße. „Es haben mich Leute gefragt, ob ich den Jim Morrison wirklich dort getroffen habe“, erzählt er feixend. „Meine Texte bestehen halt aus realen Fakenews.“ Und inspiriert wird er von vielem, von Menschen, von Musik oder von Trash-Fernsehen. Das erste Gedicht hat Fischle in der Schülerzeitung veröffentlicht. „Es war furchtbar moralisch, furchtbar schlecht, und es hat sich gereimt.“ Das alles trifft auf seine aktuelle, direkte Lyrik nicht mehr zu. „Gute Reime sind schwer, ohne Reim habe ich mehr Freiheit“, sagt der Soulhillpoet, der Charles Bukowski zu seinen Vorbildern zählt. „Harlem schneidet den Wörtern die Bäuche auf“, hat der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz in der Zeitung Konkret im Jahr 2010 geschrieben. Das trifft den Nagel ziemlich auf den Kopf. 

„Nachtstreuner und Vorstadtdurschnitt“

Im Vorwort für das neueste und bisher umfangreichste Werk des Soulhillpoeten, erschienen im vergangenen Jahr mit dem Titel „Full Moon Forever“, beschreibt der Berliner Autor Jannis Poptrandov, was die Leserschaft von Fischles Gedichten erwarten kann: „NachtStreuner, VorStadtDurchSchnitt, AufSchneider“, außerdem „MuskelDeppen, VerlegenHeitsWitze, ThekenBrüder, VerIrrte“, also „kurz und gut eine swingende Getto-Mischung“. Fischle streife Nacht für Nacht durch sein Seelberg, „durchtränkt mit sympathischer Planlosigkeit, Melancholie, Verzweiflung und Größenwahn“. Es ist eine Leseempfehlung für das Werk, das Poptrandov als „Trommelfeuer des Soulhill Jazz“ bezeichnet, und das mit Zeichnungen und Illustrationen des Berliner Künstlers Jim Avignon, der „Kiez-Malerin“ Inez Ziegler, die im Seelberg wohnt, sowie des Stuttgarters Jürgen Leippert auch optisch beeindruckt. 

Bernd Harlem Fischle lässt sich locker-tiefsinnig von seinen Gedanken durch Nacht und Verse treiben, die er tatsächlich noch von Hand niederschreibt und zur Digitalisierung an seinen Bochumer Freund und Schriftstellerkollege Michael Arenz schickt. Mit einem Lächeln und mit Liebe fürs Leben im Herzen wird der Soulhillpoet auf der Suche nach Neuem auch weiterhin den Cannstatter Seelberg durchstreifen.

Info: Wer Interesse an einem Gedichtband von Bernd Harlem Fischle hat, schreibt eine Mail an sounddernacht@gmx.de oder ruft unter 0162 7202983 an. Eva Herschmann