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Marbach: Wie eine Operation am offenen Herzen

Millimeterarbeit am und im Torbogen, die Herausforderungen der Baustelle in der Fußgängerzone, die Lebensadern blieben während der gesamten Bauzeit erhalten.

 Marbach: Wie eine Operation am offenen Herzen

Die Besucher und die Geschäfte mussten viel Geduld beweisen. Foto: Andrea Hahn

Die Baustelle im Zentrum Marbachs kann man mit einer Operation am offenen Herzen vergleichen: Die Lebensadern blieben über die gesamte Bauzeit erhalten, Strom-, Gas- und Wasserversorgung wurden nicht unterbrochen. Auch Telekommunikationsleitungen waren durchgehend in Betrieb. Ladengeschäfte, Gastronomiebetriebe und Dienstleistungsunternehmen blieben geöffnet und mussten trotz Baugruben und Baggerarbeiten jederzeit erreichbar sein

„Eine Baustelle auf der grünen Wiese kann ganz anders erschlossen werden wie ein solches Gebiet mitten in der Stadt“, erklärt Bürgermeister Jan Trost. „Hier musste gleichzeitig Altes zur Versorgung erhalten und Platz für Neues geschaffen werden. Dazu musste der Umstieg von alt auf neu möglichst schnell und störungsfrei vonstatten gehen.“

Neues Pflaster

4000 Quadratmeter neues Pflaster, sowie neue Strom-, Gashoch- und Niederdruckleitungen inklusive Hausanschlüsse, eine Brunnenleitung, Versorgungsleitungen für Bäume und Beleuchtung, Strom- und Telekommunikationsleitungen, sowie eine neue Fernwärmetrasse – das Bauunternehmen Amos, das die Sanierung durchführte, hatte viele Aufgaben. Den Großteil der Arbeiten sieht man nun allerdings gar nicht mehr: „Unsere Hauptarbeit liegt im Untergrund, vom Kanal bis zur Stromleitung ist unter dem Belag alles neu“, erklärt Andreas Huber, Oberbauleiter bei Amos und zusammen mit seinem Team verantwortlich für die Baustelle. Sein persönliches Highlight nach fast drei Jahren Bau in Marbach: die erste Inbetriebnahme des neuen Fontänenfeldes Anfang der Woche.

„Das wird bestimmt ein neuer Anziehungspunkt in der Stadt“, sagt er. Seit November 2022 war er regelmäßig in Marbach unterwegs. Begonnen hat das Unternehmen mit der Bauausführung bereits im September 2021.

Schluss mit Stolperfallen

Blick auf die Baustelle im September 2022. Foto: Stadtbauamt Marbach
Blick auf die Baustelle im September 2022. Foto: Stadtbauamt Marbach

Die Sanierung war nötig, weil die alten Versorgungsstrukturen in die Jahre gekommen sind. Gleichzeitig nutzte die Stadt die Gelegenheit, das Innenstadtareal attraktiver zu machen. Man soll gerne in der Fußgängerzone verweilen, einfach mal auf einer der neuen Bänke Platz nehmen, die Atmosphäre genießen, ein Eis schlecken oder dem Glockenspiel des Rathauses lauschen. „Die Aufenthaltsqualität ist deutlich gestiegen“, sagt Dieter Wanner vom Stadtbauamt Marbach.

Großen Anteil daran hat der neue Boden: Wo früher ein durch Frostschäden ausgebrochener Belag Stolperfallen bot, liegt nun großformatiges Natursteinpflaster. Die Fußgängerzone wirkt großzügiger und ist besser begehbar, insbesondere für Personen mit Gehhilfen wie Rollatoren.

Leitsystem für Blinde

Der Spaziergang mit Kinderwagen wird angenehmer. Außerdem wurde der neue Belag durch ein Blinden-Leitsystem ergänzt. Das sanierte Gebiet ist fit für die Zukunft: Verlegt wurden auch Leerrohre für den zukünftigen Bedarf. Das Pflaster ist mit ungebundenem Material verfugt, einzelne Steine können herausgenommen werden. Man muss also nicht großflächig aufreißen, sollten wieder Arbeiten im Untergrund nötig sein, etwa für Reparaturen oder neue Hausanschlüsse.

Bänke und Bäume beleben

Neue Bänke laden zum Verweilen ein, für Kinder gibt es Spielmöglichkeiten wie das Sprach- und Fernrohr. Das Fontänenfeld verspricht Abkühlung an heißen Tagen und auch an zeitgemäße Fahrrad-Abstellplätze und genügend Mülleimer wurde gedacht. Für Schatten sorgen künftig Bäume. Die lassen allerdings noch bis zum Herbst auf sich warten.

Eigentlich sollten sie schon im Frühjahr gepflanzt werden, doch die Witterung und Verzögerungen beim Bau durchkreuzten die Pläne. Jetzt im Sommer ist es zu riskant, die Bäume umzupflanzen, sie werden erst in ein paar Monaten in ihre neuen Baumquartiere umziehen. Bis dahin bringen Pflanzenkübel Grün in die Innenstadt.

Begonnen haben die Arbeiten am unteren Ende der Marktstraße, von dort schlängelte sich der Baustellen-Lindwurm mit Staub, Dreck und Lärm vorbei am Rathaus, durch den Torturm bis ans obere Ende der Fußgängerzone. „Während der gesamten Zeit waren die Geschäfte im Areal erreichbar, wir mussten also zusätzlich zur Bautätigkeit für sichere Wege sorgen“, erklärt Andreas Huber eine der Besonderheiten der Langzeitbaustelle. „Und natürlich gab es sehr viel Interesse an den Bautätigkeiten, sei es von Anwohnern oder von kleinen Kindern, die fasziniert die Bagger und Maschinen beobachteten“, berichte er.

Nadelöhr für Bagger

Erster großer Meilenstein war die Fertigstellung des Tiefbaus am Ende des Sommers 2023, als an jener Kreuzung der letzte Graben wieder geschlossen wurde. „Da waren endlich die neuen Leitungen unter der Erde“ erinnert sich Dieter Wanner. Ab da ging es mit den Belagsarbeiten in der anderen Richtung wieder zurück. Eine bewusste Planung, denn so war sichergestellt, dass der neue Belang nicht gleich mit den schweren Baumaschinen befahren wurden musste. Zwischenzeitlich wurde Asphalt als Provisorium aufgetragen und der neue Bodenbelag zum Testen in einem kleinen Bereich in der Nähe des Rathauses verlegt. Als Nadelöhr erwies sich auch der Torturm, hier mussten die Maschinenführer mit Bagger & Co. Millimeterarbeit leisten, denn teilweise gab es im Torbogen nur wenige Zentimeter Platz. Andrea Veyhle