Volatile Märkte, geopolitische Spannungen, Inflation, Zinswende und künstliche Intelligenz als neuer Wachstumstreiber - selten standen Vermögensverwalter vor einer derart komplexen Gemengelage. So die Ausgangslage beim Round Table Wealth Management von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. „Wie wird sich nach Ihrer Einschätzung die Konjunktur entwickeln“, wollte daher Moderator Heimo Fischer eingangs von den Experten wissen.
Patrick Deriu, Leiter Standort Stuttgart beim Bankhaus Metzler, sieht eine abkühlende Konjunktur in den USA, aber stabiler als zunächst erwartet. Seine Einschätzung: „Rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA hängen am privaten Konsum.“ Während einkommensstarke Schichten weiterhin robust konsumierten, halte sich die Mittelschicht zunehmend zurück. Für Euro-pa sieht er die Situation deutlich angespannter: Investitionen würden verschoben, Unternehmenslenker agierten abwartend.
Markus Heilig, Geschäftsbereichsleiter der Bethmann Bank in Stuttgart, rechnet für die USA weiter mit Wachstumsraten zwischen zwei und 2,4 Prozent. „Davon können wir in Europa nur träumen.“ Eine Rezession erwartet er in den USA kurzfristig nicht, wohl aber anhaltende strukturelle Probleme in Europa etwa durch hohe Energiepreise, Zölle und eine zunehmende Bürokratie. Sein Wunsch: Die Wachstumsimpulse müssten aus Europa selbst kommen. Für die Eurozone prognostiziert sein Haus rund 0,9 Prozent Wachstum, für China etwa 4,3 Prozent.
Karlheinz Pitter, Vorstandsvorsitzender der Bernhauser Bank eG, hält dem einen deutlich optimistischeren regionalen Blick entgegen. Er setzt auf den süddeutschen Wirtschaftsraum. „Der Motor aus Baden-Württemberg, Bayern und Hessen wird die Wirtschaft erneuern“, ist er überzeugt. Besonders die Automobilindustrie stehe vor einer Renaissance. „Die deutsche Automobilwirtschaft ist so innovativ wie nie zuvor.“ Auch Maschinenbau, Rüstungsindustrie und Familienunternehmen sieht er als stabile Säulen. Trotz aller Unsicherheiten herrscht bei der Einschätzung zur Aktie bemerkenswerte Einigkeit. Markus Heilig verweist auf die vergangenen fünf Jahre des MSCI World Index mit durchschnittlich mehr als zwölf Prozent Rendite pro Jahr. Deshalb sein Credo:„An der Aktie führt kein Weg vorbei“.
Die Expertenrunde zeigt trotz unterschiedlicher Akzente viel Konsens: Aktien bleiben langfristig alternativlos, Anleihen stabilisieren, Gold schützt - je nach Philosophie unterschiedlich gewichtet.
Breite Streuung
Pitter betont die Bedeutung einer breiten Streuung. „Man darf nicht alle Eier in einen Korb legen.“ Neben Industrie und Technologie sieht er den Energiesektor als zweites zentrales Standbein. KI, Digitalisierung und der weltweit wachsende Energiehunger sorgten hier für strukturelle Nachfrage. Deriu mahnt zugleich zur Vorsicht: Die Märkte seien bereits gut gelaufen, die Konjunkturdynamik nehme ab. „Die Reise wird nicht ohne Schwankungen weitergehen.“ Gerade weil große Technologiewerte aktuell die Indizes trieben, werde eine Selektion immer wichtiger. „Nicht blind investieren, sondern auf Qualität achten“, so sein Appell.

Ein zentrales Motiv der Diskussion ist das „Risiko der Nichtanlage“. Karlheinz Pitter bringt in diesem Zusammenhang die Schweiz als Stabilitätsanker ins Spiel. „Der Schweizer Franken steht seit 1850 für Währungsstabilität.“ Seit Einführung des Euro habe dieser rund 40 Prozent gegenüber dem Franken verloren. Deshalb gehöre ein Teil des Vermögens in die Schweiz - in Aktien, Anleihen und Gold. Markus Heilig unterstützt grundsätzlich die Notwendigkeit von Risikobereitschaft. „Ohne Risiko gibt es keinen Vermögenserhalt.“ Wer zu lange an sicheren Anlagen festhalte, verliere durch Inflation reale Kaufkraft.
Bei Anleihen sind die Einschätzungen deutlich nüchterner. Heilig erkennt ihre stabilisierende Rolle im Portfolio an, macht aber klar: „Nach Kosten, Steuern und Inflation bleibt häufig keine echte Vermögensmehrung übrig.“ Deriu sieht ebenfalls eine Daseinsberechtigung von Anleihen, warnt jedoch vor Zinsrisiken bei langen Laufzeiten und setzt eher auf kurzfristige Titel. Schweizer Anleihen spielen für ihn derzeit keine größere Rolle. Pitter verweist erneut auf die Schweiz: Niedrige Staatsschulden und eine Inflation nahe null machten Anleihen dort zwar sicher, aber renditeschwach. „Als Beimischung für sehr konservative Anleger okay-mehr nicht.“
Gold als polarisierendes Thema
Kaum ein Thema polarisiert so stark wie Gold. Deriu bleibt zurückhaltend. Zwar habe Gold zuletzt stark zur Performance beigetragen, langfristig jedoch „bremst es im Depot“. Entscheidend sei vor allem, nicht überteuert zu kaufen. Pitter sieht das grundlegend anders: „Gold ist ein begrenztes Gut und ein defensiver Stabilitätsfaktor.“ In seiner Vermögensverwaltung seien Goldquoten von bis zu zehn Prozent üblich, teils auch darüber. Seine Prognose: „Gold wird teurer.“
Heilig positioniert sich zwischen beiden Polen. Sein Institut hält rund fünf bis sechs Prozent Gold im Depot für angemessen. „Gold ist ein Misstrauensvotum gegen Regierungen. Sinnvoll als Beimischung, aber nicht als dominierende Anlageklasse.“ Und Deriu ergänzt: „Nicht die Volatilität ist das Risiko, sondern der überteuerte Einkauf.“
Unterm Strich zeigt die Runde trotz unterschiedlicher Akzente viel Konsens: Aktien bleiben langfristig alternativlos, Anleihen stabilisieren, Gold schützt - je nach Philosophie unterschiedlich gewichtet. Die größten Risiken liegen weniger an den Märkten selbst als in politischer Unsicherheit, Überregulierung und strukturellen Schwächen Europas. Oder wie Patrick Deriu es abschließend formuliert: „Der Marathon ist noch lang - entscheidend ist, dass wir nicht stehen bleiben.“ Ingo Dalcolmo