Vergangener Samstag, neuer AWS-Betriebshof Stuttgart-Wangen: Der städtische Eigenbetrieb Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) hat zum Nachbarschaftsfest eingeladen, damit möglichst alle Nachbarn, Wangener, Angehörige von Beschäftigten dort und alle anderen Interessierte diesen Meilenstein für den nächsten Schritt in die Zukunft der für alle so wichtigen AWS einmal kennenlernen können. Es ist heiß, aber trotzdem ist der Andrang so groß, dass bei den ersten Führungen durch den Betriebshof gar nicht gleich alle mitkommen können. Bei 30 Teilnehmern muss Schluss sein, sonst wird es spätestens oben in der Büroetage schnell etwas eng.
Aber da eine Führung nach der anderen angeboten wird, bekommen alle die Gelegenheit, das anfangs in Wangen gar nicht unumstrittene, jetzt aber umso bemerkenswertere Bauwerk der städtischen Infrastruktur an der Gingener Straße zu bewundern. Baubeginn war im März 2022, fertig war der Neubau im vergangenen Oktober. Nachhaltigkeit war von Beginn der Planungen an ein zentrales Element bei dem Projekt.
An Sonnentagen autark
Oben auf dem Dach sorgt die größte Photovoltaik-Anlage in städtischem Besitz dafür, dass der Betriebshof möglichst bald zumindest an sonnigen Sommertagen den kompletten benötigten Strom vom Dach bekommt. Mit entsprechenden Speichern und optimiertem Energiemanagement sollen sogar drei bis fünf autarke Tage möglich sein - aber dafür fehlen noch die Speicher. Aktuell wird nur etwa ein Viertel des von der PV-Anlage erzeugten Stroms selbst verbraucht, der Rest fließt ins Netz.


Die PV-Anlage ist 681 Solarmodule groß, drumherum ist das Dach begrünt. Die Module haben eine Gesamtleistung von 270 Kilowattpeak (kWp). Damit können pro Jahr 280.000 Kilowattstunden Strom klimafreundlich erzeugt werden. So gelangen pro Jahr umgerechnet 130 Tonnen CO₂-Emissionen weniger in die Atmosphäre. Strom wird im Wangener Betriebshof künftig immer mehr benötigt. Der Fuhrpark mit 41 Fahrzeugen wird aktuell zwar noch überwiegend fossil, also mit Diesel oder Gas, angetrieben. Aber die ersten vollelektrisch angetriebenen Mercedes-eEconics sind schon eingetroffen und im Einsatz. Sie sind speziell auf die Anforderungen der Entsorgungswirtschaft abgestimmt, also auch auf den Stop-and-Go-Einsatz bei den täglichen Touren durch die Stuttgarter Innenstadt. Die Fahrer der AWS in Wangen haben die E-Lastwagen als Herausforderung angenommen und einen Wettbewerb untereinander daraus gemacht: Wer hält am längsten durch? Tatsächlich haben sie es geschafft, mit den elektrischen Müllautos an zwei Tagen ohne Nachladen ihre Touren zu fahren und mit immer noch zwölf Prozent Restladung wieder im Betriebshof anzukommen. Reaktion von Daimler-Truck auf diese Tests im Rahmen eines zwei Jahre langen Pilotprojekts in der ganz realen täglichen städtischen Müllabfuhr im hügeligen Stuttgart laut einem AWS-Mitarbeiter: „Eure Fahrer sind die einzigen, die angefangen haben, das Fahrzeug zu verstehen.“
60 Prozent sollen elektrisch fahren
Bis Ende des Jahres sollen zehn der eEconics im Einsatz sein. Ziel ist, einmal 60 bis 65 Prozent der täglichen Abfuhr rein elektrisch hinzubekommen. Der neue Betriebshof ist für bis zu 15 vollelektrische Abfallfahrzeuge ausgelegt. Möglich wird das auch durch die innovative Ladeinfrastruktur im Wangener Betriebshof, in die die Stadt 24 Millionen Euro investiert hat. Für die Pkw im Wangener AWS-Fuhrpark gibt es sechs AC-, also Wechselstrom-Ladestationen, außerdem zwei Schnellladepunkte mit je bis zu 60 kW Ladeleistung. Für die elektrischen Lkw stehen neun Gleichstrom-Wallboxen mit je bis zu 60 kW Ladeleistung zur Verfügung. Die Ladekabel für die Müllfahrzeuge werden über deckengeführte Kabelabroller zu den Lkw geführt. So können sie sicher und platzsparend an ihren jeweiligen Stellplätzen geladen werden. In Verbindung mit einem intelligenten Lade- und Lastmanagement kann die verfügbare Energie bestmöglich genutzt werden und senkt so auch die jährlichen Betriebskosten.
Die neue Betriebsstelle erstreckt sich über eine Fläche von 6500 Quadratmetern und bietet Arbeitsplätze für 190 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Parkplätze gibt es für sie auf dem Areal, die umliegenden kleinen Straßen werden also nicht vollgeparkt. Auch Zweirad-Stellplätze gibt es. Ein Teil des Areals wird auch vom Tiefbauamt der Stadt genutzt. Das Gebäude wurde, auch nach außen deutlich sichtbar, in Holz-Hybridbauweise ressourcensparend errichtet. Drinnen freuen sich die AWS-Beschäftigten jetzt über moderne Umkleiden, Duschen, Sozialräume, auch über eine zeitgemäße Trocknungsanlage für die Schutzkleidung nach Arbeitstagen im Dauerregen. Erste Erkenntnis nach einigen Monaten im Einsatz: Nach Regentagen fallen jetzt weniger Krankheitstage an als im alten Betriebshof in der Türlenstraße ohne eine solche Anlage.
Mittagessen in der Kantine ab 9 Uhr
Die Kantine hat sich in den Monaten seit der Inbetriebnahme des Betriebshofs zu einem beliebten Treffpunkt städtischer Mitarbeiter auch aus anderen Abteilungen entwickelt. Täglich gehen bis zu 350 Mittagessen raus. Die Lieferanten, die bisher einmal pro Woche die Zutaten lieferten, müssen wohl bald öfter kommen. O-Ton bei einer der Führungen am Samstag: „Das ist die beste Kantine der AWS. Für eine Müllabfuhr ist das hier schon eine Nummer.“ Mittagessen gibt es dort übrigens schon ab 9 Uhr vormittags, schließlich beginnt der Betrieb um 6.30 Uhr, in der aktuellen Hitzewelle sogar noch etwas früher. Der Regelbetrieb im Betriebshof geht dann bis 15.30 Uhr. Beheizt wird der Betriebshof mit Fernwärme. Für eine Kühlung in Hitzewellen wie zurzeit reicht der Strom bestimmt auch noch. Und noch ein O-Ton von einer der Führungen mit Blick auf den alten Betriebshof in der Türlenstraße: „Der Neubau hat uns ins 21. Jahrhundert katapultiert.“
Von Jürgen Brand