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Rathaus Kornwestheim: Ein Riese wird neunzig Jahre alt

Architektur von Paul Bonatz, Wahrzeichen zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, 48 Meter Höhe und 800 Kubikmeter Wasserbehälter – Symbol der Stadtgeschichte mit Führungen im November

Rathaus Kornwestheim: Ein Riese wird neunzig Jahre alt

Die Ziegelsteinfassade des Rathauses Kornwestheim passt zum Stadtbild mit vielen Firmenund Unternehmensgebäuden. Foto: Katrin Schenk

„Mama, da schwebt ein Christbaum in der Luft.“ Hand aufs Herz – nicht nur Kinder, sondern man selbst hat das auch schon gedacht, wenn man zwischen Stuttgart und Ludwigsburg in der Adventszeit gependelt ist und Richtung Osten geschaut hat. Die Kornwestheimer wissen dazu in aller Regel mehr. Schließlich ist es ja ihr Rathaus und ihr riesiger Christbaum, der in der Weihnachtszeit auf dem Flachdach des monumentalen Gebäudes thront und in der Dunkelheit, wenn das Rathaus nicht zu sehen ist, zu schweben scheint.

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Bonatz, der Traditionalist in der Architektur-Szene

Paul Bonatz hat den Backsteinturm, der mit zum Wahrzeichen Kornwestheims geworden ist, gebaut. Der Architekt, der bekanntlich auch den Stuttgarter – Hauptbahnhof oder vielleicht weniger bekannt die Schleusen bei Mühlhausen konzipiert hat, hat vor und zu Beginn der Nazi-Zeit mit seinem historischen Monumentalismus Zeichen gesetzt. Vergleicht man allein die beiden Türme in Stuttgart und in Kornwestheim miteinander, fällt bei beiden zuerst mal die Wuchtigkeit auf: ein in die Höhe gezogener Quader, der von Weitem sichtbar ist.

Was auch klar ist: Bonatz gehörte zu den Traditionalisten in der Architekturszene. Die Stuttgarter Weißenhofsiedlung bezeichnete er zu Beginn als „Vorstadt Jerusalems“. Später korrigierte er sich dahingehend, dass er sich wohl so äußerte: „Die gegliederten Kuben ergeben malerische Überschneidungen.“ Bonatz' Bauten standen vor 14 Jahren im Mittelpunkt einer Ausstellung in Frankfurt und geben immer wieder Anlass zur Diskussion: Wie hingen Architektur und die Ideale des Nazi-Regimes zusammen?“

Unternehmen aus der Region

Was aber heute auch – abseits dieser zu Recht geführten Kontroversen – ins Auge sticht, sind Details, die einem bei der ersten Betrachtung kaum auffallen: so sind beispielsweise die markanten Uhren am Kornwestheimer Rathausturm, die Untergliederung der Wände, die vermeintlich kleinen und wenigen Fenster oder der Balkon, der einen kleinen Durchbruch innerhalb des Gebäudes zulässt, durchaus Hingucker. Bonatz war auf Funktionalität ausgerichtet und der Bau des Rathausturms in der Salamanderstadt passt zu seiner Auffassung, dass ein Gebäude für seine Nutzung errichtet werden solle. Bereits 1912 hatte die Gemeinde beschlossen, ein neues Rathaus zu bauen. Allerdings machte der Erste Weltkrieg das Vorhaben zunichte. Der vorgesehene Standort an der Ecke Stuttgarter Straße/Eberhardstraße (heute Friedrich-Siller-Straẞe) wurde eingeebnet.

Aufgrund der auffälligen Zifferblätter wird der Bonatz' Rathausturm auch Uhrenturm genannt.
Aufgrund der auffälligen Zifferblätter wird der Bonatz' Rathausturm auch Uhrenturm genannt.

Was mit der Zeit sich immer mehr abzeichnete: durch das Wachsen der Bevölkerung brauchte man auch mehr Wasser. Warum also nicht Rathaus- und Wasserturm miteinander verbinden?

Als Standort wurde eine erhöhte Stelle an der Stuttgarter Straße, der damals am südlichen Rand der Ortsbebauung lag, gewählt. Somit war gewährleistet, dass der Wasserdruck stimmt. Und was natürlich jedem Gast in Kornwestheim auffällt: Es wurde ein neuer Mittelpunkt in der Stadt geschaffen. Nicht die Altstadt rund um die Martinskirche, sondern das Gebiet zwischen dem heutigen Kleihuesbau und der Karl-Joos- und der Stuttgarter Straße waren wichtig. Nach einer gescheiterten Wettbewerbsausschreibung ging man das Bauvorhaben 1933 unter Bürgermeister Alfred Kercher wieder an. Bereits 1935 wurde Einweihung gefeiert: Die Höhe des Turms beträgt 48 Meter, das Fundamente ragt acht Meter in den Boden hinein, und der in den Turm integrierte Hochbehälter fasst 800 Kubikmeter Wasser.

Mehr Führungen im November

Durch die Ansiedelung der in Kornwestheim stationierten amerikanischen Truppen war noch mehr Wasser notwendig. Und so wurden 1954/55 auf dem Platz vor dem Rathaus zwei Erdbehälter mit je 2200 Kubikmeter in den Boden eingelassen. Von diesen aus wird das Wasser in den Rathausturm gepumpt. Seit 1958 bezieht Kornwestheim sein Wasser auch von der Bodensee Wasserversorgung. Der Turm mit Verwaltung, die um den Wasserbehälter angesiedelt ist, feiert in diesem Jahr also 90-jähriges Bestehen.

Die Stadtarchivarin Natascha Richter und der Kunsthistoriker Dr. Dietrich Heißenbüttel haben erst im Sommer eine Führung zum Rathausturm gemacht. Wer interessiert ist, kann auf der Seite des Geschichtsvereins www.geschichtsverein-kornwestheim.de/veranstaltungen und sich für zwei Führungen zum Rathaus- und Wasserturm, die im November noch anstehen, anmelden.

Von Katrin Schenk

Serie

„Verortet" Immer wieder werden bei den „Top-Adressen Kornwestheim“ in diesem Jahr Plätze, Kunstwerke, Gebäude – kurzum Orte – vorgestellt, die mit der Stadt zwischen Ludwigsburg und Stuttgart fest verbunden sind und ihre ganz eigenen Geschichten haben. kasch