Römische Funde sind in der Region Stuttgart jetzt nichts mehr, was einen total überrascht und trotzdem ist es doch faszinierend, wie man die Geschichte oft in Städten nachvollziehen kann. In Kornwestheim ist man den ersten römischen Fragmenten 1986 auf die Spur gekommen. Heute stehen die Wasserrinnen im Parco d'Amore und sind Teil einer Brunnenanlage. Gefunden wurden die steinernen Rinnen auf der südlichen Seite der Bahnhofstraße. Der Historiker und Heimatforscher Hermann Wagner hat sie entdeckt, ihre Echtheit bestätigte das Landesdenkmalamt in Stuttgart. Einen Bärendienst erwies der Archäologe und Landeskonservators Oskar Paret (1889-1972) Wagner und seinen Mitstreitern. Schon im Jahr1929 in einem Mitteilungsblatt der Salamander AG „Allerhand Altes von Kornwestheim“ veröffentlichte Paret einen Bericht über die römische Funde.
Aquädukte waren Infrastruktur und Symbole der Macht
Die Römer hatten bekanntlich ein ganzes System über Wasserleitungen erfunden. Ihre Aquädukte waren einerseits ein modernes Hydrosystem, andererseits waren es überdimensionale Bauten, um Macht zu demonstrieren. Bau und Betreuung der frühesten Leitungen Roms lagen in der Hand von Censoren beziehungsweise eines Prätors, also in der Verantwortung hoher Beamter der römischen Verwaltung (Aufsatz „Die Macht des fließenden Wassers“, Hydrosysteme im kaiserzeitlichen Rom von Franziska Lang und Helge Svenshon). Die Finanzierung solcher Großprojekte wurde teilweise aus öffentlichen Mitteln oder Kriegsbeuten gesichert, aber auch private Investoren waren beteiligt. Einige der frühen Wasserleitungen trugen den Namen ihrer Erbauer.
Ein neues Zeitalter brach unter Oktavian als Kaiser Augustus (30 v.Chr. bis 14 n.Chr.) an: Dieser aus dem Lukasevangelium bekannte Augustus wollte zusammen mit dem Heerführer Agrippa mehr zum Wohle des römischen Volkes tun: so unterhielt Agrippa 240 Sklaven (familia publica), die für die Wasserversorgung Roms, also für Pflege und Reparatur der „Leitungen, Verteilerbauwerke und Brunnenbecken“ zuständig war. Diese Einrichtung markiert den Beginn einer institutionalisierten Verwaltung des römischen Hydrosystems und beweist, dass man sich bewusst war, welchen Gefahren die Infrastruktureinrichtungen ausgesetzt waren – insbesondere der Fernwasserleitungen -, für deren nachhaltigen Betrieb eine systematische Betreuung zwingend notwendig erschien. Hierbei wird es Agrippa wohl weniger um die Grundversorgung der Bevölkerung gegangen sein, denn Wasser spendende Tiefbrunnen und Zisternen waren reichlich vorhanden und konnten eine Stadtbevölkerung versorgen. Die immensen Investitionen in Ausbau und Sanierung der Anlagen dienten in erster Linie der baulichen Verwandlung Roms zu einer luxuriösen„Stadt-Landschaft“, die urbane Lebensqualität, Möglichkeiten zur Identifikation und Repräsentanz durch die neuen Bauten vereinte.
Die Grundlage für die Hydrosysteme war durch Agrippa sogar in schriftlicher Form festgehalten worden. Unter Augustus lässt sich das komplexe System der Wasserinfrastruktur im kaiserzeitlichen Rom in ein Primär-, Sekundär- und Tertiärsystem untergliedern. Dem Primärsystem sind sowohl Quellen als auch Leitungs-, Verteiler- und Speichersysteme zuzuordnen, die das Wasser von ihrem Ursprung bis zum Endverbraucher beförderten und als Fernwasserleitungen, Verteilerbauten, Tiefbrunnen, Zisternen sowie Wasserbecken, Teiche und sonstige Reservoirs ihre jeweilige Funktion erfüllten. Das Sekundärsystem umfasst den Konsumentenbereich, dem die Bäder, Thermen, Nymphäen, Lauf- und Zierbrunnen, aber auch Latrinen angehörten; ebenso sind die Einrichtungen für die Feuerwehr dazu zu zählen wie auch Handwerk, Gewerbe und Landwirtschaft mit ihren Mühlen, Gärten, Fischteichen und Feldern. Die reine Wasserentsorgung und ihr Netz von Abwasserkanälen sind dagegen Teil des Tertiärsystems.
Die Wasserrinnen aus Kornwestheim stammen wohl aus der Zeit zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert nach Christus. Wer mehr über die Funde rund um Kornwestheim wissen möchte, kann den Spaziergang machen, den der Bürgerverein Zazenhausen zusammengestellt hat. Los geht es in Zazenhausen, beim Gutshof Benz mit der Adresse Beim Römerhof 31. Funde belegen, dass hier auf dem Gelände ein beachtliches, römisches Gebäude stand. Wo heute die Scheuer steht, war einst wohl das große Wohnhaus. Es hatte bis zu 3,5 Meter hohe Wände, die mit Tier- und Pflanzendarstellungen geschmückt waren. Man fand Marmorplatten und in Stein gehauene Reliefs. Unter dem Wohnhaus verlief eine gemauerte Wasserleitung. Rund 40 Meter südlich vom Wohnhaus lag das Badehaus. Es hatte eine Fußbodenheizung und mehrere halbrunde Becken. Die Sitzbank war beachtliche zwölf Meter lang.
Der Brunnen in der Nähe des Guthofs wird vom Überlauf der Quellfassung rund 300 Meter nördlich des Hofes gespeist. Die Stadt Kornwestheim hat die fast 2000 Jahre alte Straße, angelegt durch die Römer, erhalten. Man kann zwei Fahrspuren mit je 1,3 Meter Breite erkennen. Rechts und links sind Gräben zur Entwässerung angelegt.
Wasser aus dem Strohgäu nutzten auch Römer für Brunnen
Die Römer nutzten für ihre Brunnen das Wasser aus den Tälern des westlich gelegenen Strohgäus. Unter der Lehmschicht der Äcker befindet sich eine wasserundurchlässige Schicht aus Lettenkeuper, die das Wasser unterirdisch hierher leitet. Die Römer benötigten viel Wasser für die Landwirtschaft und ihre Bäder. Sie erbauten daher ihre Gutshöfe in der Nähe von solchen Wasserstellen.
Von Katrin Schenk
Die Serie
„Verortet“ Immer wieder werden bei den „Top-Adressen Kornwestheim“ in diesem Jahr Plätze, Kunstwerke, Gebäude – kurzum Orte – vorgestellt, die mit der Stadt zwischen Ludwigsburg und Stuttgart fest verbunden sind und ihre ganz eigenen Geschichten haben.
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