„Hallo, ich bin die Sonja“ – so richtig hochherrschaftlich geht es bei der exklusiven Führung durch das Köngener Schloss für die Vorschulkinder des örtlichen Zeppelinkindergartens nicht zu. Wobei – einige der Kids haben sich mit Prinzessinnen-Accessoires beziehungsweise Ritterutensilien schon etwas in Schale geschmissen und lassen sich mit großen Augen in die Vergangenheit ihres Heimatorts entführen. Die „Sonja“ ist Sonja Spohn, ehemalige Kreisrätin, Schulleiterin a. D. sowie Vorsitzende des Geschichts- und Kulturvereins Köngen (GKV). Sie und die übrigen Mitglieder des Vereins haben sich vorgenommen, die Geschichte des Orts zu wahren und das Interesse daran zu fördern. „Unsere Kultur ist nur vor dem Hintergrund unserer Vergangenheit zu verstehen. „Wenn wir uns mit der Geschichte befassen, können wir die Vorgänge in der Gegenwart besser beurteilen“, ist Sonja Spohn überzeugt. Gegründet wurde der GKV 1994 vor dem Hintergrund, dass die Gemeinde Anfang der 1990er Jahre das baufällige Köngener Schloss gekauft hatte und es in den Folgejahren von Grund auf restauriert hat. In der bis heute geltenden Satzung wurde unter anderem als Ziel die Verdeutlichung der historischen Bedeutung des Köngener Schlosses für den Ort definiert: Auch um Verständnis für die aufwendige Sanierung – Kostenpunkt 12,5 Millionen Euro, damals viel Geld für ein derartiges Projekt, heute eher ein Schnäppchen – in der Bevölkerung zu wecken und zu fördern. Dank der Aktivitäten des GKV nennt die Gemeinde heute mit dem Schloss einen historischen Schatz ihr eigen. Dasselbe gilt für das Köngener Römermuseum mit angeschlossenem Park. „Der Park mit dem Römermuseum ist ein echtes Kleinod für Köngen“, bestätigt Spohn.
Viele Anfragen und zahlreiche Ideen
Der Verein zeichnet sich bereits in der vierten Saison für die Öffnung des Museums verantwortlich, während die Gemeinde immer noch an einem neuen Konzept bastelt. Der Grund: „Als wir damals gehört haben, dass die Gemeinde das Museum temporär schließen will, dachten wir: Das geht ja gar nicht.“ Dass es allerdings so lange dauert, hätten die Vereinsmitglieder indes auch nicht gedacht. „Wir hoffen, dass die Gemeinde für das Museum bald eine Lösung findet“, bestätigt Spohn. Denn das Interesse an der reichhaltigen Vergangenheit der Gemeinde ist groß: „Wir haben unzählige Anfragen etwa von Schulen oder Erwachsenengruppen, selbst aus China oder Schweden kommen Menschen, um den Römerpark zu sehen.“ Auch die historischen Rundgänge des Vereins durch Köngen sind stark nachgefragt – durchgeführt werden alle diese Aktivitäten rein ehrenamtlich vom GKV. Inzwischen sei allerdings das ein oder andere GKV-Mitglied schon etwas in die Jahre gekommen, deswegen wären ein paar neue Gesichter – gerne auch jüngere – herzlich willkommen, betont die Vorsitzende. Ein weiterer Schwerpunkt des Vereins ist die Herausgabe von eigenen Publikationen. Allen voran ist das der Nachdruck des „Barocken Welttheaters“ von Daniel Pfisterer, der von 1699 bis 1728 Pfarrer in Köngen war und sein Werk 1727 vollendete. Fast 280 Jahre blieb das reich bebilderte Schriftwerk bis auf einzelne Szenen unveröffentlicht. Erst 1996 erschien das Buch als originalgetreuer Nachdruck – Herausgeber ist neben dem Württembergischen Landesmuseum der Köngener GKV. Von der Fachwelt wird das Werk bis heute gefeiert, denn Pfisterer überliefert in einzigartiger, teils süffisanter Weise das Leben der einfachen Menschen im Barock.
Um Kultur verdient gemacht

Im Geiste des klugen Magisters verleiht der GKV seit 2000 auch alle zwei Jahre den Daniel Pfisterer-Preis. „Es werden Menschen ausgezeichnet, die sich um Kultur, Geschichte oder Gesellschaft verdient gemacht haben“, erklärt Spohn.
In diesem Jahr wurde zum Beispiel mit dem Köngener Urgestein Gerhard Zaiser, einem Naturschützer der ersten Stunde, ein Naturschützer der ersten Stunde ausgezeichnet. Weitere Preisträger sind die aus Köngen stammenden Macher der Theaterspinnerei aus Frickenhausen, Köngens Alt-Bürgermeister Hans Weil, Historiker Professor Dr. Dieter Planck oder Kulturwissenschaftlerin Professorin Dr. Christel Köhle-Hezinger. Ideen, um die Arbeit des Vereins weiter auszubauen, gibt es viele. „Aber es muss halt jemand machen“, sagt Sonja Spohn. Sie selbst liebäugelt seit einiger Zeit mit einer Broschüre mit Köngener Zeitzeugen der Nazi-Zeit und des Kriegsendes 1945. Aber auch die Kultur soll nicht zu kurz kommen: „Vorträge über aktuelle Themen wären uns ebenso ein Anliegen. Es muss nicht immer der Blick zurück sein, es kann auch in die Zukunft gehen“, erklärt Spohn. Ebenso sei eine Fotoausstellung mit historischen Aufnahmen, die in Bezug zur Gegenwart gesetzt werden, vorstellbar.
Zurück zur Führung mit den Kindergartenkindern ins Schloss: Mit großen Augen bestaunen die Kinder die liebevoll restaurierte Schlosskapelle, wobei der kleinen Hanna die Wände in blau besser gefallen hätten. Nach einer heiklen Diskussion stürmen die Kinder die knarzende Holztreppe hoch bis unters Dach und entdecken dort oben ein detailgetreues Modell der Schlossanlage. Weiter geht es in den RenaissanceRittersaal: In dem holzvertäfelten Raum wartet an einer festlichen Tafel ein Vesper auf die Kinder. Herrscher wie Karl der Große, Friedrich Barbarossa, Julius Cäsar oder der osmanische Sultan Süleyman sehen zu, wie Butterbrezeln verputzt werden. Der letzte Abstecher führt zum Brunnen im ehemaligen Schlosskeller. Die Verabschiedung ist herzlich und wird nicht von Dauer sein: Die Kids haben bereits einen weiteren Termin mit der GKV-Vorsitzenden, dann aber im Römerpark. Bis dahin, versprechen sie, wollen sie „der Sonja“ schon mal ein paar schöne Bilder vom Schloss malen.
Von Kerstin Dannath
Der Verein in Zahlen
Gründungsjahr 1994
Mitglieder 166
Mitgliederstruktur Das jüngste Mitglied ist Jahrgang 1991, das älteste 91 Jahre alt. Intention Ein Bewusstsein für die Ortsgeschichte Köngens schaffen und das Interesse daran wachhalten, obendrein die Stärkung und Förderung des kulturellen Lebens in der Gemeinde.
Projekte Vergabe des Daniel-Pfisterer-Preises, Aufsicht im Römermuseum, Führungen durch den Römerpark, das Schloss, den Ortskern und die Peter-und-Paulskirche, Organisation von Vorträgen zu historischen und aktuellen Themen, diverse Ausflüge etwa in Museen oder Kunstausstellungen sowie der Verkauf von Publikationen.
Informationen Führungen sowie der Besuch des Römermuseums außerhalb der Öffnungszeiten sind auf Nachfrage möglich. Vorträge und Ausflüge werden auf der Homepage beziehungsweise in der Presse angekündigt. Neue Gesichter sind beim Geschichts- und Kulturverein immer herzlich willkommen. Man muss auch nicht in Köngen wohnen, um Mitglied zu werden.
Kontakt und Infos www.geschichtsverein-koengen.de kd