Ein Taktiktafel gibt es nicht nur beim Fußball auch vor dem Auftritt des Deizisauer Boogie-woogie-Vereins Candy Sticks beim 40-jährigen Jubiläum des Altbacher Vereins Altenhilfe ist das Magnetboard, das im Sport gerne genutzt wird, um Spielzüge, Strategien und Aufstellungen zu visualisieren, mit dabei: Trainer Ingo Linge gibt damit den sieben Tanzpaaren vor dem Auftritt die letzten Tipps, etwa wer wo steht oder wann im Kollektiv mit den Fingern geschnipst wird. Ein letzter Schluck Wasser, ein nervöser Blick in den Spiegel, dann geht es los. Die Petticoats fliegen durch die Luft, jedes Lied wird abgefeiert, die vielfach doch etwas betagteren Besucher sind glücklich - und textsicher egal ob bei Trude Herrs kessem Hit„Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ (1958) oder „,Rote Lippen soll man küssen“ von Schmalzlocke Cliff Richard (1960). Rund zwölf solcher Auftritte absolviert die Deizisauer Showtanzgruppe pro Jahr, geplant war das bei der Gründung des Vereins vor nun zehn Jahren allerdings nicht. „Angefangen hat alles mit einer Geburtstagsfeier“, erinnert sich Stefan Bäumen, der im Vorstand des Clubs für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
Von Hochzeit bis Seniorennachmittag

Der zeitgemäße Look – die Damen in Petticoats, die Herren mit Hosenträgern und Fliege – und die fröhlichen Klänge der 1950er-Jahre kamen an: Inzwischen tritt die aus rund acht Paaren bestehende Showtanzgruppe der Candy Sticks bei Hochzeiten, zu Jubiläen, bei Oldie Nights, einem Seniorennachmittag oder anderen Events in ihren stilechten Outfits auf. Immer mit einem Lächeln im Gesicht, denn:
„Der Spaß darf nicht zu kurz kommen“, erklärt Linge. Er gehört wie Bäume zu den Gründungsmitgliedern des Vereins, ist als C-Lizenz-Inhaber für das Training verantwortlich und im Vorstand aktiv. Bei ihrer Gründung 2016 haben die Candy Sticks den Mief und die Behäbigkeit, die den 1950er Jahren oft nachgesagt werden, ganz bewusst links liegen gelassen: Ihren Fokus legten sie dagegen auf den Schwung der Aufbruchsstimmung, die das Lebensgefühl nach den grauen Kriegsjahren bestimmte. Untrennbar verbunden damit ist die Musik. Sie war mehr als reine Unterhaltung – sie war ein Spiegel des gesellschaftlichen Wandels, des neuen Zeitgeistes und zudem die Geburt einer eigenständigen Jugendkultur, die sich durch Mode und Musik von der Elterngeneration abgrenzte. Der Soundtrack dieser neuen Generation war der Rock n' Roll: Internationale Künstler wie Elvis Presley, Chuck Berry und Buddy Holly revolutionierten die Musikszene, in Deutschland folgten alsbald Peter Kraus, Ted Herold oder Paul Kuhn. Was diese Musiker über den großen Teich hinweg gemeinsam hatten: Ihr Sound stand für Freiheit und Aufbruch. Die Szene war damals ständig in Bewegung, auch der dazugehörige Tanzstil entwickelte sich ständig weiter – die Candy Sticks bevorzugen mit dem Boogie-Woogie allerdings die eher konservativeren Anfänge. Hebefiguren und akrobatische Einlagen, wie man sie heute mit Rock'n'Roll verbindet, entwickelten sich erst später, erklärt Trainer Linge: „Deswegen ist Rock 'n' Roll auch zum Leistungssport geworden. Wir Candy-Sticks bleiben lieber am Boden und bekennen uns zum Breitensport.“ Aber auch ohne spektakuläre Hebefiguren entführen die Deizisauer Boogie-Woogie-Tänzer ihre Zuschauer direkt in die goldene Ära der 1950er – das Gesamtbild und die Freude, die die Tänzer rüberbringen, überzeugen in Altbach zumindest den letzten Miesepeter. Dabei tanzt auch der Humor immer mit, wie etwa beim 1958er-Gassenhauer „Lollipop“ von den Chordettes, wenn große Papp-Lutscher zu Seifenblasen geschwenkt werden.
Überhaupt hätte dem Verein auch „Lollipops“ als Name gefallen. „Oder Petticoats – aber das gab es alles schon“, sagt Bäumen. Voraussetzung war ein Bezug zum Zeitgeist – da sei man beim Brainstorming irgendwie auf „Brausestäbchen“ gekommen: „Der PC spuckte in diesem Zusammenhang den Namen, Candy Sticks' aus – das gab es bislang noch nicht und hat uns allen gefallen“, erzählt Bäumen weiter.
Eine rot-weiße Zuckerstange hat es so auch zum offiziellen Logo des Vereins gebracht. Doch die lebenslustigen Deizisauer plagen sich wie viele Vereine mit Nachwuchssorgen: „Ein paar neue Gesichter würden uns gut tun“, gibt Linge zu - gerne auch etwas jünger.„Wir sind eben alle zehn Jahre älter geworden, da zwickt und zwackt es inzwischen doch ab und zu mal irgendwo“, ergänzt Bäumen grinsend. Mitbringen sollte man in erster Linie Spaß und gute Laune. Ein gewisses Interesse am Zeitgeist der 1950er-Jahre ist sicherlich auch kein Fehler. „Ein bisschen Taktgefühl ist natürlich von Vorteil, alles andere versuchen wir, neuen Tänzern und Tänzerinnen beizubringen“, sagt Lingen. Da es immer einen Frauenüberschuss gibt, wären ein paar Vertreter des männlichen Geschlechts, die Lust haben, das Tanzbein zu schwingen, besonders gerne gesehen.
Am einfachsten gelingt der Einstieg über einen der Anfängerkurse, die die Candy Sticks regelmäßig anbieten. Trainiert wird immer mittwochs in der Deizisauer Gemeindehalle. In der Neckargemeinde fühlen sich die Candy Sticks inzwischen pudelwohl: „Wir haben damals nach einem Ort gesucht, in dem es noch kein vergleichbares tänzerisches Angebot gab, und sind in Deizisau mit offenen Armen aufgenommen worden“, lobt Bäumen. Die Unterstützung seitens der Kommune sowie der anderen Vereine sei groß. In beide Richtungen übrigens: Beim Deizisauer Hauptfest zum Beispiel helfen die Candy Sticks immer kräftig mit: „Wir sind als Verein zu klein, um das Hauptfest selbst auszurichten, werden aber immer angefragt und springen dem jeweiligen Ausrichter gerne zur Seite“, sagt Linge, auch der große Festumzug zum Hauptfest sei längst zumPflichttermin geworden: „Wir laufen immer mit und sorgen für Stimmung.“ Man kenne die Candy Sticks mittlerweile im Dorf, bekennt Bäumen stolz: „Wir haben uns hier in Deizisau einen gewissen Stellenwert erarbeitet, das ist sehr viel wert.“
10 Jahre gibt es die Candy Sticks inzwischen. Gefeiert wird stilecht bei der großen OldieNight am 10. Oktober in der Gemeindehalle Deizisau. Für die richtige Musik sorgen „Teddy und die Lollipops“ aus München, die bereits im Vorjahr vor ausverkauftem Haus begeistert haben.
Von Kerstin Dannath
Der Verein in Zahlen
Gründungsjahr 2016
Mitglieder 130
Mitgliederstruktur Der Altersdurchschnitt liegt bei 60 bis 65 Jahren, wobei Frauen klar in der Überzahl sind. Das jüngste Mitglied ist aktuell 40, das älteste 85 Jahre alt.
Mitmachen Für alle, die gerne Boogie-Woogie tanzen möchten oder ihre Kenntnisse auffrischen wollen, gibt es regelmäßig Anfängerkurse, die auf der Website angekündigt werden. Oder – nach vorheriger Anmeldung per Mail (info@candysticks.de), einfach direkt im Training immer mittwochs ab 20 Uhr in der Deizisauer Gemeindehalle vorbeischauen.
Informationen gibt es auf der Vereins-Homepage https://candysticks.de kd