„Würden wie jammern, wäre das aber auf höchstem Niveau“ stellt Reinhard Köble klar. Er ist der erste Vorsitzende des 1888 gegründeten reinen Männerchors in der Alten Talstraße 10 im Stadtteil St. Bernhardt. Der Verein steht gut da, mit seiner weitläufigen, 3600 Quadratmeter großen Anlage mit grüner Wiese und einer alten Trauerweide, Garagen, Lagerräumen, einem Vereinsheim mit italienischem Restaurant, Kegelbahn und großem Saal - alles im Eigentum des Vereins. 86 Mitglieder gehören zum Verein, davon 26 Aktive. Jeden Dienstag ist Singstunde, die der Dirigent Boris Ruzin seit nunmehr 14 Jahren leitet.



In Esslingen Nord gibt es noch zwei weitere Gesangsvereine und einen Musikverein. Große Feste können sie nicht mehr stemmen. Der Sängerkranz schon. Warum? Für Vereinsvorstand Köble ist die Geschichte schnell erzählt „Es gibt zwei Gründe für unseren Erfolg“, sagt er. „Das eine ist unser starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das andere unser Liedgut.“ In jedem Sommer veranstaltet der Sängerkranz sein großes Sommerfest. Das hat sich laut Köble mittlerweile zum integrativen Fest, auch gemeinsam mit dem Bürgerausschuss St. Bernhardt, Kennenburg, Wiflingshausen, für den gesamten Stadtteil Nord entwickelt. Drei Tage lang wird gefeiert, mit Livemusik an allen Tagen, Gottesdienst, Flohmarkt, Kinderfest, Matinee mit Nachbarvereinen und variantenreichem gastronomischen Angeboten. Wo andere Vereine Probleme haben, helfende Hände für solche Unternehmungen an den Start zu bekommen, berichtet Köble von einem ungebrochenen Andrang an Männern und Frauen, die zum Aufbau der Zelte und anderen Vorbereitungen kommen. „Die Zelte werden am Mittwochnachmittag geliefert, ein paar Stunden später steht alles perfekt“, sagt Köble. Andere Vereine hätten aufgegeben, da sie irgendwann nicht mehr genügend ehrenamtliche Helfer gefunden hätten.
Identitätsgefühl vermitteln
Für Köble ist ein solches Fest wie das Sommerfest überlebenswichtig für einen Verein. „Weniger wegen etwaiger Einnahmen, die bleiben bescheiden, weil wir auf bezahlbare Preise für die Bürger achten, sondern wegen dem gemeinsamen Handeln, das unseren Mitgliedern ein Identitätsgefühl vermittelt“, betont Köble. Zum anderen sieht er auch die Notwendigkeit nach außen zu gehen und sichtbar zu werden, und Menschen, auch potenziell neue Mitglieder, zu erreichen. Das funktioniert offensichtlich ganz gut. „Es bleiben immer mal Interessenten hängen“, sagt Köble. Auch junge Leute, die über die Livemusik und den Barwagen beim Sommerfest für eine Schnuppersingstunde gewonnen werden können. In den vergangenen Jahren seien es etwa sechs junge Sänger gewesen. Für Köble ist es selbstverständlich, dass man auch die Feste anderer Vereine besucht - nach dem Motto sehen und gesehen werden.
Die andere große Stärke des Vereins sieht Köble im Liedgut. Das Repertoire sei weit gefächert von Romantik bis Schlager. Der Chor singt hauptsächlich a cappella mit vier Stimmen, ab und an mit Piano-Begleitung. Dazu käme ein außergewöhnlicher Dirigent: Boris Ruzin, geboren in St. Petersburg, fachlich überragend und immer offen für die musikalischen Wünsche seiner Sänger. „Von anderen Chören hören wir ganz anderes“, berichtet Köble. „Nach jeder Singstunde sitzt man noch zusammen, auch das fördere die Gemeinschaft“, fügt er hinzu.
Neben dem Sommerfest, das das Vereins-Highlight im Jahr ist, singt der Sängerkranz bei verschiedenen internen und externen Anlässen wie beim Gemeindefest im Hainbachtal, dieses Jahr auch beim Bürgerfest in der Pliensauvorstadt, beim Volkstrauertag, zur Weihnachtsfeier des Vereins, beim Weihnachtssingen am Kesslerplatz. Zusätzlich gibt es noch meist ein Konzert innerhalb von zwei Jahren, aber immer ohne Eintritt und nur auf Spendenbasis. Dass es nicht mehr Konzerte sind, liegt auch an fehlenden Lokalitäten - vor allem auch, seit die Aula der Hochschule nicht mehr zur Verfügung steht und die Miete einfach zu hoch war.
„Geld haben wir eigentlich nie“, sagt Köble. „Alles, was da ist, wird auch wieder reinvestiert.“ So habe der Verein das über 60 Jahre alte Vereinsheim saniert, demnächst werden Fahrradständer auf dem Gelände errichtet. Das Vereinsgelände, auf dem ein kleiner Teich lag, wurde 1950 unter dem Vorsitz des Großvaters des heutigen Vorsitzenden gekauft. Der Enkel führt den Verein seit nunmehr 17 Jahren. In zwei Jahren will der 68-Jährige den Stab an seinen Vize Michael Besemer abgeben.
Von Barbara Scherer
Der Verein in Zahlen
Gründung 1888 mit 25 Männern
Vorstand mit 7 Mitgliedern
Mitgliederzahl 86, nur Männer, darunter 26 aktive
Durchschnittsalter etwa 50 Jahre
Ältestes aktives Mitglied 83 Jahre
Ältestes passives Mitglied 89 Jahre
Veranstaltungen Großes dreitägiges Sommerfest im Juni auf dem Vereinsgelände, Weihnachtsfeier, verschiedene Gesangsauftritte, Konzerte alle zwei Jahre
Anlage Vereinsgaststätte ist das italienische Restaurant La Musica, Pächter ist Antonio Curia, 40 Plätze im Restaurant, teilbarer Saal mit 80 Plätzen, Terrasse
Kontakt Sängerkranz 1888 Sankt Bernhardt-Wiflingshausen, Alte Talstraße 10, 73732 Esslingen