AIs Bahnknotenpunkt ist Plochingen bedeutend und bekannt. Aber es ist der zweite, viel kleinere Plochinger Bahnhof, der Herzen höher schlagen lässt: Der Halt heißt „Am Bruckenbach“ und ist Startpunkt der Plochinger Dampfbahner, die zu den großen Attraktionen auf dem ehemaligen Gartenschaugelände der Stadt zählen. Die diesjährige Saison beginnt am 5. April.
1980 gründete sich ein Modellbahner-Verein in Plochingen. Ähnlich wie in anderen HO-Clubs tüftelte man gemeinsam an Anlagen und hatte eine Werkstatt in einem Keller. Und da das Hobby kein ganz billiges ist, wollte man mit einem kleinen Fahrbetrieb bei Stadtfesten und anderen Veranstaltungen etwas dazuzuverdienen.
Folglich machten bald die ersten „Zügle“ im „Kringelverkehr“ den Karussells Konkurrenz; mit seinen zwei Mini-Anlagen absolvierte der Verein bis zu 50 Fahrtage im Jahr. „Man war ständig unterwegs“, sagt Kai Schmitt, der heutige Kassier, der weiß, dass die Mitglieder unabhängig von den Finanzen einfach Spaß am Fahren hatten.
Durch die Umstellung auf „Echtdampf“ mit Kohle wurde das Hobby noch reizvoller für Technik-Freaks und Eisenbahn-Nostalgiker. Ein Gelände für eine feste Strecke fand sich schließlich in Plochinger Halbhöhenlage in den Schafhausäckern, dort, wo heute die Jugendfarm ist. Hier dampften die Loks aber nur wenige Jahre – dann kam die Landesgartenschau und der Umzug in den Bruckenwasen, der ein mehr als ehrgeiziges Projekt war.
Täglicher Fahrbetrieb während der Landesgartenschau

Innerhalb von gut zwei Jahren sollte die neue Strecke mit allem, was dazugehört, fertig sein. „Es muss euch klar sein, dass man dann jeden Tag hier arbeiten muss“, soll der Vorstand damals die Mitglieder gewarnt haben. Diese entschieden sich dennoch für das Projekt und krempelten die Ärmel hoch. „Viele haben zwei Jahre lang ihren gesamten Urlaub investiert“, sagt Kai Schmitt. Auf die Baustellenzeit folgte der tägliche Fahrbetrieb in den Neckarauen während der Gartenschau. Und auch danach blieb immer genug zu tun, das kann der heutige Vorstand bestätigen. So mache man, da mittlerweile die Infrastruktur nicht mehr die jüngste ist, seit sechs Jahren jeden Winter Streckenbau, sagt Simon Prokein, der aktuelle stellvertretende Vorsitzende.
1,2 Kilometer lang ist die Strecke und im Gegensatz zu vielen anderen „Gartenbahnen“ in Deutschland verläuft sie komplett im öffentlichen Raum. Das ist Fluch und Segen zugleich Das Gelände und seine Feste locken zahlreiche Fahrgäste an, aber Vandalismus, zumindest an Schildern und ähnlichem, kam auch schon vor. Und die Lokführer, die ihre Runden drehen, müssen sehr achtsam sein: Dass ihnen niemand vor den Zug läuft, aber auch, dass sich keine Steine oder Schotter auf den Schienen befinden - sonst droht Entgleisung. Dabei erfordert schon der Betrieb der Dampfloks ihre Aufmerksamkeit: Die Kohle wird mit Mini-Schaufeln nachgelegt, die richtige Menge an Wasser mit Feingefühl zugesetzt. „Das Gefühl für den Dampfregler muss man schon haben, sonst hat man verloren“, sagt Pro-kein. Diese Voraussetzung dürfte bei den meisten Dampfbahnern gegeben sein, ist doch die Faszination Technik ihre größte Motivation.
Mit Kindern durch den Tunnel fahren ist ein Highlight
Das Schrauben steht im Mittelpunkt, das Fahren sei die Belohnung obendrauf, sind sich die Vorstände einig. Wobei es schon ein absoluter Höhepunkt sei „wenn man fahren darf und die Kinder durch den Tunnel fährt“, sagt Schmitt. Kinder- und familienfreundlich zu sein, ist den Dampfbahnern wichtig, auch bei den Fahrkartenpreisen. Zur Sicherheit begleiten immer zwei geschulte Personen die Zugfahrt, alle zwei Jahre nimmt der TÜV Loks und Waggons ab.
„Eine Dampflok ist ein fahrender Haufen Verschleißteile“
Das Hobby lasse sich bei vielen der Aktiven aus dem Beruf ableiten, stellt Simon Prokein fest: Tonund Lichttechniker, Industriemechaniker, Kfz-Mechaniker und Landschaftsarchitekten sind dabei, auch Eisenbahner gehörten schon dazu. Umgekehrt hat mancher wahrscheinlich im Verein die Grundlage für eine spätere technische Ausbildung gelegt. Die Jugend darf an ihrer eigenen Lok schalten und walten und hat sie nach einem Kesselschaden auch schon mal komplett zerlegt - es dauerte zwei Jahre, bis sie wieder zusammengebaut war.
Die Älteren im Verein geben mit Engagement und Herzblut ihr Wissen weiter. Das ist in Zeiten, in denen es normal ist, Dinge wegzuwerfen und neu zu kaufen, ein besonderer Schatz. Lebenslanges Lernen ist Programm: „Eine Dampflok ist ein fahrender Haufen Verschleißteile“, sagt Kai Schmitt.
Unter den Schraubern, egal, welchen Alters, sind nach wie vor die Männer deutlich in der Überzahl, Nur vereinzelt legt mal eine Frau Hand an die Maschine. Trotzdem: Die Familien sind automatisch in der Mitgliedschaft inbegriffen und beteiligen sich auf andere Weise, zum Beispiel an den Festen und Fahrtagen. So ist das Gelände mit dem Vereinsheim, mit Lokschuppen, Werkstätten und Drehscheibe auch ein geselliges Zentrum. Nahezu jeden Samstag wird geschraubt, unter der Woche findet ein Stammtisch statt - und von Ostern bis einschließlich Oktober ist jedes zweite Wochenende Fahrtag.
900 Kilometer
legen die Plochinger Dampfbahner beim Fahrbetrieb auf ihrer 1,2 Kilometer langen Strecke im Jahr ungefähr zurück.
Verein in Zahlen
Gründungsjahr 1980
Mitgliederzahl rund 120 - die Mitgliedschaft bezieht sich immer auf die ganze Familie.
Der „harte Kern“ der Schrauber 15 bis 18 Personen
Altersdurchschnitt ca. 48 Jahre
Jüngstes/ältestes Mitglied 1 Jahr/90 Jahre
Zusammenkünfte mittwochs geselliges Treffen, samstags gemeinsames Schrauben. Werkstätten, Lokschuppen und Vereinsheim am Bahnhof „Am Bruckenbach“
Kontakt vorstand@dampfbahner.de, Infotelefon 07153 899522
www.dampfbahner.de
Wann fahren die Dampfbahnen im Bruckenwasen?
Fahrtage sind von Ostern bis Oktober alle zwei Wochen sonntags und an den gesetzlichen Feiertagen, immer von 11 bis 18 Uhr. Saisonstart ist am 5. April.
Besondere Termine dieses Jahr
→ Am ersten Maiwochenende: „Dampf in den Frühling“ mit Gastfahrzeugen auf den Wegen und auf der Schiene
→ Am Wochenende 5. und 6. September: 25. Internationales Dampfspektakel, großes Dampffest mit vielen Lokomotiven, Fahrbetrieb und Nachtfahrt aia