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Staatsgalerie Stuttgart: Visualisierter Zeitgeist

Die Ausstellung zeigt die vielfältigen Beziehungen Modiglianis zu anderen Kunstschaffenden in Europa und der Bewegung des "retour à l´ordre".

Staatsgalerie Stuttgart: Visualisierter Zeitgeist

Amedeo Modigliani: Portrait de Femme (1918)   Foto: Staatsgalerie Stuttgart/Denver Art Museum Collection, Denver: The Charles Francis Hendrie Memorial Collection, 1966. © Denver Art Museum

Aus den unlängst im Stadtarchiv Darmstadt gefundenen Briefen, die Amedeo Modigliani an Ludwig Meidner schrieb, weiß man, dass Modigliani Meidner in den Jahren 1906/1907 darum bat, doch einige seiner Werke mit nach Deutschland zu nehmen, um sie dort zu verkaufen. Frisch in Paris angekommen und dort noch keinesfalls zu den arrivierten Künstlern zählend, reichte sein Blick also nachweislich über Paris hinaus. Modigliani war mit zahlreichen anderen europäischen Künstlerinnen und Künstlern im Austausch. Die Ausstellung„Moderne Blicke“ setzt erstmals die Bildnisse und Akte von Modigliani in einen künstlerischen Dialog mit Arbeiten der Klassischen Moderne, etwa von Wilhelm Lehmbruck, Paula Modersohn-Becker, Egon Schiele, Gustav Klimt, Pablo Picasso oder Edvard Munch.

Nicht nur in Paris, sondern in ganz Europa gab es in diesen Jahren Künstlerinnen und Künstler, die zeitgleich zur Neuerung durch den Kubismus an der Figuration weiterarbeiteten. Ihre intensive Beschäftigung mit Porträt und Akt prägte die Entwicklung des Menschenbilds einer jungen Generation und ist damit nicht weniger provokativ wie jene Bewegung, die den Bildbegriff formal auflöst. Für Künstler wie Egon Schiele und Oskar Kokoschka in Wien, Ludwig Meidner, Jeanne Mammen oder Ernst Ludwig Kirchner in Berlin, Paula Modersohn-Becker und Wilhelm Lehmbruck in Paris steht das Bild des Menschen im Mittelpunkt des Interesses. Sie beziehen sich dabei auf Vorbilder wie etwa von Auguste Rodin, Paul Cézanne, Henri de Toulouse-Lautrec oder Gustav Klimt.
Die aktuelle Modigliani-Ausstellung „Moderne Blicke“ weitet den Blick über Paris hinaus und macht deutlich, dass bereits während des Ersten Weltkrieges und nicht erst in den 1920er-Jahren unter dem Schlagwort „retour à l'ordre“ die Figuration in mehreren europäischen Städten neu geprägt wurde. Sie zeigt Amedeo Modigliani als jüdischen Künstler, der durch sein liberales, französisch-italienisches Elternhaus in der Hafenstadt Livorno sehr weltoffen und in einem europäischen Netzwerk verortet war. Eine konkrete Gegenüberstellung seiner Werke mit Bildern, Skulpturen und Zeichnungen von zeitgenössischen Kunstschaffenden außerhalb des ihm persönlich bekannten Pariser Kreises wird in dieser Ausstellung erstmals vorgenommen. gab

PROGRAMM

Führungen:
Ausstellungsführungen donnerstags, um 18.30 Uhr, und sonntags, um 15 Uhr 
Kuratorenführungen:
Donnerstag, 11. Januar 2024, 18.30 Uhr, mit Dr. Jens-Henning Ullner; Donnerstag, 8. Februar, mit Dr. Nathalie Lachmann
Kurzführungen zur Mittagszeit:
Dienstag, 12. Dezember, 9. und 23. Januar, 6. und 20. Februar, 5. März 2024, jeweils 12.30 bis 13 Uhr
Besondere Führungen:
Führungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen und Blinde, mit Hörbeeinträchtigung, in Leichter Sprache sowie für Menschen mit mobilen Einschränkungen. Führungen in englischer, französischer und italienischer Sprache einmal im Monat.
Themenführungen:
„Mensch Modigliani - Der letzte echte Bohemien!“, „Modigliani, ein europäischer Künstler“, „Schöpferische Entwicklung - Modiglianis Kunst im Zusammenhang mit dem ,élan vital'“, „Mann Modigliani - Führung nur für Männer“, „Magie des Augenblicks, Seelenfenster: Akt und Porträt bei Modigliani“, „Chronist weiblichen Selbstbewusstseins: Modiglianis, femmes garçonnes´“.
Abendvorträge zur Modigliani-Forschung:
„La Garçonne“. Modiglianis Frauenportraits zwischen Art Nouveau und Neuer Sachlichkeit. Dr. Ortrud Westheider, Museum Barberini, Potsdam: 25. Januar, 18.30 Uhr.
Modigliani und Lehmbruck. Moderne Gotik? Vortrag von Dr. Nathalie Lachmann, Staatsgalerie Stuttgart: 15. Februar, 18.30 Uhr.
Berthe Weill: Ihre Galerie, ihre Künstler und die Modigliani-Ausstellung 1917: Dr. Peter Kropmanns, Köln/Paris, 29. Februar, 18.30 Uhr.
Alle Termine unter: staatsgalerie.de .
red


Auf Augenhöhe mit den Frauen

Die Ausstellung „Modigliani. Moderne Blicke“ eröffnet neue Perspektiven: Im Mittelpunkt stehen Frauenbildnisse, die viel über die künstlerische und gesellschaftliche Situation ihrer Entstehungszeit erzählen.

Wenn am Ende die Kunstwerke an den Wänden hängen - bereit zum Dialog mit dem Publikum -, sieht man ihnen nicht an, wie schwierig es unter Umständen gewesen ist, ihnen auf die Spur zu kommen. „Das ist manchmal richtige Detektivarbeit“, sagt Kuratorin Dr. Nathalie Lachmann. Denn Amedeo Modigliani, um dessen Werk es in der Ausstellung „Moderne Blicke“ geht, starb recht jung mit 35 Jahren und hinterließ zahlreiche Werke. Nur vier Museen in Deutschland besitzen Arbeiten Modiglianis, eines davon ist die Staatsgalerie Stuttgart. Ein großer Teil jedoch befindet sich in Privatbesitz. Um diesen Exponaten auf die Spur zu kommen, müssen Auktionskataloge durchgesehen werden. Selbst wenn eines entdeckt wird, ist die Suche noch lange nicht zu Ende. Denn manche Werke werden später weiterverkauft, Sammlungen aufgelöst. Da die Spur nicht zu verlieren, kann zur echten Herausforderung werden. 

Die Vorarbeiten zur Ausstellung „Moderne Blicke“ waren daher umfangreich und dauerten ihre Zeit - umso herausragender ist das Ergebnis. „Die letzte Modigliani-Ausstellung in Deutschland liegt 15 Jahre zurück und fand 2009 in Bonn statt“, weiß Nathalie Lachmann. „Nun ist es an der Zeit, diesen bedeutenden Künstler der Klassischen Moderne erneut dem Publikum zu präsentieren. Unsere Arbeit der letzten Jahre hat spannende und neue Erkenntnisse hervorgebracht, die sowohl für Forschende als auch für kunstinteressierte Laien zweifelsfrei spannend sein werden.“ Aus diesem Grund sei es ihnen wichtig gewesen, für die Ausstellung ein Begleitprogramm anbieten zu können, das Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen anspricht.
Die Schau, die gemeinsam mit dem Potsdamer Museum Barberini realisiert wurde, rückt dezidiert Modiglianis Frauenporträts in den Mittelpunkt. Die Dargestellten sind Malerinnen, Schriftstellerinnen oder Modeschöpferinnen. Sie erscheinen mit ihren Kurzhaarfrisuren und in Männerkleidung wie ein Vorgriff auf die „Neue Frau“, wie sie im Art déco oder in der Neuen Sachlichkeit auftreten wird. „Die Ausstellung schlägt eine Brücke von der Emanzipation der Frau als Modell - zur Emanzipation der Frau im Kunsthandel wie auch als Künstlerin“, sagt Prof. Dr. Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie und meint damit Frauen wie die Galeristin Berthe Weill oder die Künstlerinnen Émilie Charmy oder Natalja Gontscharowa. 

„Modigliani war umgeben von selbstbewussten Frauen.“
Dr. Nathalie Lachmann
Teil des kuratierenden Teams der Ausstellung „Modigliani. Moderne Blicke“

Amedeo Modigliani malte Frauen auf eine Weise, wie sie in dieser Zeit auch von Frauen gemalt wurden. Will heißen, sein Blick auf die weiblichen Modelle war anders als der, der bislang weithin geläufig war. „Er malte keine verkappte Venus“, schmunzelt Lachmann. Denn das erstarkende weibliche Selbstbewusstsein war bereits vor den revolutionären 1920er-Jahren präsent. „Das spiegelt sich in seinen Porträts wie auch seinen Akten“, so Nathalie Lachmann. Der in Livorno als Sohn einer jüdischen Familie geborene Künstler war nämlich nicht, wie viele andere in diesen Jahren, auf der Suche nach abstrakten Ausdrucksweisen. „Er trieb die Figuration weiter voran und beschäftigte sich intensiv mit der Entwicklung eines neuen Menschenbildes.“ Hier nimmt er unter den Kunstschaffenden seiner Zeit eine entscheidende Rolle ein.
Die Ausstellung „Moderne Blicke“ weitet noch auf andere Weise den bekannten Horizont. 

Es werden Künstlerinnen und Künstler aus dem deutschsprachigen Raum wie Paula Modersohn-Becker, Wilhelm Lehmbruck oder Egon Schiele Modigliani gegenübergestellt, die sich in einer von Fauvismus, Kubismus oder Futurismus geprägten Zeit weiter mit dem Bild des Menschen beschäftigten. Eine Freundschaft verband ihn auch mit Ludwig Meidner. Die Briefe Modiglianis an Meidner wurden bisher von der Forschung noch nicht ausgewertet. Zwei dieser Briefe werden nun zusammen mit den insgesamt e 80 Gemälden, Zeichnungen und Aquarellen in der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellt, etwa die Hälfte der Werke Amedeo Modiglianis wurde von privaten Leihgebern zur Verfügung gestellt.
Auf den Moment, wenn die Werke in der Staatsgalerie ankommen und ausgepackt werden, wenn sie den Originalen zum allerersten Mal quasi Auge in Auge gegenübersteht, fiebert Nathalie Lachmann hin. „Das ist der schönste Moment“, verrät sie. Der, auf den sie und das gesamt Team so lange Zeit hingearbeitet haben.
Von Gabriele Metsker