Die Evangelische Stadtkirche in Marbach stand lange im Schatten der außerhalb der Stadtmauern gelegenen Alexanderkirche. Erst nach Einführung der Reformation kam der mitten in der Stadt gelegenen ehemaligen Marienkapelle der Status einer Pfarrkirche zu. Nun strahlt die Stadtkirche in neuem Glanz. Im vergangenen Jahr wurde das Innere des Gotteshauses für mehr als eine Million Euro neu gestaltet. Die Holzbänke wurden generalüberholt, die Technik, Beleuchtung und Heizung erneuert. Am Ostermontag, 6. April, 18 Uhr, wird die Wiedereinweihung mit einem musikalischen Festgottesdienst gefeiert.
Von Osten kommend, die Niklastorstraße hinaufgehend, zeigt sich die Stadtkirche von ihrer schönsten Seite. Aus der Straßenschlucht ragen inmitten der engen Wohnbebauung der Chor der Kirche und der Kirchturm empor. Aus dieser Perspektive ist das Gotteshaus unübersehbar im Herzen der Altstadt Marbachs.
Äußerlich hat sich an dem Kirchenbau spätgotischen nichts verändert, der auf eine 1319 erstmals erwähnte Marienkapelle zurückgeht. Drinnen präsentiert sich der Sakralbau nach dem Umbau in einem anderen Licht.
In einem anderen Licht

Auch wenn sich optisch gar nicht so viel verändert hat, fühle sich die Stadtkirche doch atmosphärisch ein wenig anders an, sagt Dekan Ekkehard Graf. Hell und freundlich, so beschreibt er das umgestaltete Innere der spätgotischen Kirche. „Davor war sie doch etwas düster und durch viele künstlerische Versatzstücke auch etwas unruhig.“
Alles, was an den Seiten an Bildern und Epitaphien an den Wänden hing, sei jetzt entfernt, so Graf. „Es waren ohnehin Leihgaben oder Stücke aus der Alexanderkirche.“
Die Gedenktafeln für den ehemaligen Marbacher Stadtschreiber Johann Jakob Schneider und seine Frau aus dem späten 17. Jahrhundert, für das 1626 verstorbene Ehepaar Franz und Anna Margaretha Beurlin, die innerhalb von zwei Wochen wohl der Pest zum Opfer fielen und ihre Tochter Anna Catharina als Waise hinterließen sind vorerst eingelagert. Wie auch der spätgotische Flügelaltar mit Orgelpfeifen und das Kreuzigungsbild. Und nicht nur die Epitaphien fehlen in der neu geordneten Stadtkirche. Auch die erhöhte Kanzel an der Ostseite links vom Chor wurde abgenommen. Der Pfarrer oder die Pfarrerin predigt künftig von einem Ambo aus, einem Lesepult. Das bringe „,mehr Nähe zum Zuhörer“, so Katrin Mistele, die zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats.
Der alte steinerne Altar ist ebenfalls gewichen. An seine Stelle ist ein hölzerner Altar getreten, der bei Konzerten im Chor leichter versetzt werden kann. Damit, so Dekan Ekkehard Graf, sei die Stadtkirche besser für kirchenmusikalische Ereignisse nutzbar. Die nun leere Kanzelwand kann außerdem für Projektionen genutzt werden.
Auch bei der Möblierung wurde an künftige flexible Nutzungsmöglichkeiten gedacht. Die erste und letzte Reihe der hölzernen Sitzbänke, die vor Wiedereinbau von einem Schreinerbetrieb gesäubert, geschliffen und sorgsam restauriert wurden, gibt es nicht mehr, um Raum für Bands, Chöre und Gruppen zu schaffen. Und die nun erste Reihe ist jetzt teilbar, falls für eine Veranstaltung noch mehr Platz benötigt wird.
Der gut 300 Jahre alte historische Taufstein hat ebenfalls einen neuen Standort erhalten. An ihm wurden viele Marbacher Einwohner in den letzten Jahrhunderten getauft, darunter der Astronom Tobias Mayer (1723), der berühmte Jurist Karl Georg von Wächter (1797) und nicht zuletzt der Dichter Friedrich Schiller, dessen Taufe am 11. November 1759 im Taufregister der Kirchengemeinde Marbach eingetragen ist.
Alles bereit für Ostern
Die Stadtkirche dient der Kirchengemeinde von jeher als „Winterkirche“. So hat es gut gepasst, dass der erste Gottesdienst in der nicht fertigen noch längst neuen Stadtkirche am 4. Advent vergangenen Jahres gefeiert wurde. Ende Februar wurden dann auch das noch fehlende Inventar, der Altar und das Lesepult geliefert. Damit ist alles bereit für den musikalischen Festgottesdienst am Ostermontag.
Ein Wunsch der Gemeinde hat sich allerdings nicht erfüllt. Das Gebäude sollte bei der Stromerzeugung unabhängig werden mithilfe einer Photovoltaikanlage auf dem nach Süden geneigten Kirchendach. Den Strom zum Heizen des Gotteshauses wollte man direkt vor Ort herstellen und den meisten Anteil des gewonnen Stroms ins allgemeine Netz einspeisen. Schließlich gehört es zum Christsein dazu, die Schöpfung zu bewahren. Ein Schlüssel könnte sein, selbst nachhaltig Strom zu produzieren und so die Umwelt zu schonen.
Die Handwerker hatten auch die nötigen Anschlüsse auf dem Dachboden vorbereitet. Doch das Landesdenkmalamt hat mit Verweis aufs Ortsbild sein Veto eingelegt. Doch damit gibt sich die Kirchengemeinde nicht zufrieden. Auch der Landtagsabgeordnete Tayfun Tok hat sich diesbezüglich schon eingeschaltet. Die Hoffnung auf grünen Strom wird nicht aufgegeben.
Von Eva Herschmann