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Round Table Wirtschaftskanzleien: Ohne Netz und doppelten Boden

Juristen und Sanierungsexperten diskutieren beim Round Table der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten Ursachen, Chancen und Perspektiven der aktuellen Wirtschaftskrise.

Round Table Wirtschaftskanzleien: Ohne Netz und doppelten Boden

Im zweiten Teil des Round Table stand das aktuelle Insolvenzrecht im Schwerpunkt der Debatte. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Keine Frage: Die deutsche Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Nach Jahren des Wachstums und staatlicher Stabilisierung ist die Realität zurück: steigende Zinsen, geopolitische Unsicherheit und die Folgen einer „gedopten Wirtschaft“, wie es Gunnar Müller-Henneberg (Luther Rechtsanwaltsgesellschaft) nennt. Im zweiten Teil des Round Table der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten, diskutierten namhafte Juristen und Sanierungsexperten über Ursachen und Chancen der neuen Krisenphase – und über die Frage, ob Deutschland gelernt hat, konstruktiv mit Unternehmensinsolvenzen umzugehen.

„Insolvenz bedeutet nicht das Ende eines Unternehmens, sondern kann der Beginn einer Sanierung sein“, so Müller-Henneberg. Heute gehe es weniger um Bilanz-, sondern um Ergebnisprobleme – sinkende Aufträge und Gewinne. Die Krise sei keine Delle, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden Transformation. Dr. Alexander Sommer (Kullen, Müller, Zinser) bestätigt: „Die Lage ist spürbar angespannt, besonders im Handel, Handwerk und in der Gastronomie.“ Große Konzerne wie Daimler oder Bosch blieben stabil, doch ihr Personalabbau wirke weit in die Regionen hinein.

Simon Beier (Burger, Rosenbauer, Beier) erkennt in der Insolvenz auch eine Chance: „Sie kann den gesunden Kern eines Unternehmens freilegen – wenn man rechtzeitig handelt.“ Doch oft komme diese Einsicht zu spät. „Scheitern gilt hierzulande als Makel. In den USA ist es ein Neuanfang.“ Müller-Henneberg ergänzt: „Viele Krisen entstehen nicht aus Fehlverhalten, sondern aus externen Schocks. Die Insolvenzordnung bietet eigentlich Werkzeuge für den Neustart – wir nutzen sie zu wenig.“

Christian Raiser (Thümmel Schütze) sieht die aktuelle Herausforderung weniger in steigenden Insolvenzquoten als im Strukturwandel. „Viele Mittelständler stecken in der Transformation zur Elektromobilität. Sie haben investiert, aber die Stückzahlen fehlen.“ Besonders die Bau- und Immobilienbranche leide unter den Zinsen. „Wenn Bosch Stellen abbaut, trifft das auch Handwerker, Zulieferer und den Immobilienmarkt.“

Markus Bettecken (Haver & Mailänder) ergänzt: „In der Peripherie der Konzerne stehen viele Betriebe mit leeren Auftragsbüchern da. Wir erleben keine Konjunkturdelle, sondern eine tiefere Krise.“

Bettecken kritisiert, das Arbeitsrecht sei ein Hindernis für schnelle Anpassungen: „Betriebsbedingte Kündigungen sind extrem kompliziert. Das blockiert notwendige Restrukturierungen.“ Ngoc Anh Heimbach (RSM Ebner Stolz) stimmt zu: „Die Kosten für Personalabbau sind enorm. Wir brauchen pragmatischere Verfahren.“ Politisch sei das heikel, räumt Bettecken ein. „Niemand will Entlassungen erleichtern. Aber Krisenbewältigung an Bürokratie scheitert, verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit.“

Ein weiterer Engpass liegt bei der Finanzierung. „Banken agieren vorsichtiger, weil sie mit Fremdmitteln arbeiten und sich absichern müssen“, so Müller-Henneberg. „Basel-Vorgaben engen sie zusätzlich ein. Dadurch scheitern Sanierungen oft an der Finanzierung.“ Zustimmung von Sommer: „Banken sind durch Haftungsrisiken gelähmt. Ich setze eher auf die Innovationskraft der Unternehmen selbst.“ Raiser wiederum erkennt etwas Bewegung: „Manche Banken versuchen wieder, Kunden zu halten, doch sie bleiben sehr restriktiv.“

Trotz aller Krisensymptome gibt es auch Chancen. „Wenn wir alte Strukturen hinterfragen, kann daraus Neues entstehen“, sagt Beier. Auch Heimbach denkt in eine ähnliche Richtung: „Das Insolvenzrecht bietet viele Instrumente, wir müssen sie nur mutiger nutzen.“ Müller-Henneberg: „Wir müssen aus der Arroganz heraus, alles besser zu können. Vielleicht braucht es eine harte Krise, um die Dinge zu versachlichen.“ Doch Sommer hält dagegen: „Ich glaube an die Innovationskraft der Unternehmen. Baden-Württemberg hat know-how und Kreativität, das ist unsere Stärke “

Eines wird sehr deutlich: Die Zeiten des bequemen „Weiter so“ sind vorbei. Deutschland steht unter Anpassungsdruck – rechtlich, ökonomisch und mental. „Wir brauchen weniger Verzagtheit und mehr Zuversicht“, nennt Bettecken als Fazit. Wirtschaft sei auch Psychologie. Moderator Matthias Schiermeyer will abschließend einen positiven Ausblick vermitteln. Da lächelt Müller-Henneberg: „Vielleicht lernen wir gerade wieder, die Ärmel hochzukrempeln.“

Von Ingo Dalcolmo


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