Auf stolze 90 Jahre kann die Esslinger Wohnungsbau GmbH (EWB) inzwischen zurückblicken. Und mit mehr als 3000 Wohnungen und rund 50 Gewerbeeinheiten in allen Esslinger Stadtteilen zählt der Betrieb zu den größten und ältesten Wohnungsbauunternehmen in der Region Stuttgart. Der Blick zurück auf die Anfänge ist gleichzeitig ein Blick auf die jüngere Stadtgeschichte und zeigt, dass die soziale Frage und der Bedarf nach Wohnraum in den 1930er Jahren in Esslingen weitreichende Folgen hatte. Der Wohnungsbau hat die Stadt Esslingen in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert und das Aussehen und die Infrastruktur ganzer Stadtviertel geprägt.
Wohnungsnot in den 1930er-Jahren

Die Gründung der gemeinnützigen Esslinger Wohnungsbaugesellschaft 1936 fiel in eine bewegte Zeit. Unter dem Eindruck der im ganzen Land spürbaren massiven Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und der immens hohen Inflation war lange Zeit viel zu wenig günstiger Wohnraum entstanden und so war in Esslingen der Bedarf größer als das Angebot.
Die Lage verschärfte sich, weil immer mehr Menschen zuzogen. Das hatte wirtschaftliche und politische Gründe, denn unter dem Einfluss der Rüstungspolitik und der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der nationalsozialistischen Regierung zogen in den 1930er Jahren immer mehr Facharbeiter nach Esslingen, um ihr Auskommen bei Daimler-Benz, Eberspächer, Index und vielen anderen Unternehmen zu suchen, die teils kriegswichtige Güter produzierten. Um die Wohnungsnot zu lindern, entstanden vorstädtische Kleinsiedlungen und von 1932 an wurden größere Wohnungen geteilt, um mehr Wohnraum zu gewinnen.
Mehrere Baugenossenschaften, darunter die 1890 gegründete Baugenossenschaft Esslingen, konnten nicht genügend Wohnungen schaffen, zumal dort nur Mitglieder in den Genuss einer Sozialwohnung kamen, was die Wohnungssuche für Neubürgerinnen und Neubürger erschwerte. „Die Zahl der Eheschließungen (ist) wesentlich höher als die Zahl der Neubauten“, stellte 1936 der damalige Esslinger Stadtpfleger und spätere Erste Bürgermeister, Georg Deuschle, fest. Deshalb sollte eine städtische, gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft mit Blick auf die Wohnungsnot Abhilfe schaffen. Zahlreiche Gewerbe- und Industrieunternehmen suchten ebenfalls Wohnraum für ihre Belegschaften . So wurde die EWB als ein von der Stadt Esslingen und der Industrie gemeinsam getragenes Unternehmen aus der Taufe gehoben, wobei es dem damaligen Direktor der Neckarwerke ElektrizitätsversorgungsAG gelang, 15 Industrieunternehmen aus Esslingen und der Region von der Mitarbeit im Aufsichtsrat zu überzeugen. Noch immer zählen der EnBW-Konzern, die Mercedes-Benz Group, die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, Eberspächer, die Index-Werke und Citizen Machinery Europe zu den Teilhabern. Bis heute halten Stadt und Unternehmen je 50 Prozent der Gesellschaft.
Die EWB nahm bereits im Gründungsjahr die Bautätigkeit auf und errichtete in der früheren Alleen- (heute Heilbronner) Straße das erste Gebäude mit 21 Dreizimmerwohnungen mit je 61 Quadratmetern Wohnfläche. Die Monatsmiete von 40 Reichsmark entsprach etwa 20 Prozent des damaligen Bruttoeinkommens eines Arbeiters, heißt es in der EWB-Broschüre von 1976, die zum 40jährigen Bestehen erschien. 1937 wurden 20 Wohnungen und 1938 sowie 1939 noch einmal 32 Wohnungen samt Gartenanteil an der Palmstraße in St. Bernhardt errichtet.
Bauboom in der Nachkriegszeit
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden 117 Wohnungen, doch ab 1942 kam die Bautätigkeit wegen „der Verschärfung des Krieges“ zum Erliegen. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes und dem Kriegsende strömten zehntausende Geflüchtete nach Esslingen. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass sich die Zahl von 48732 Einwohnern im Jahr 1939 auf 83 670 Menschen 1960 erhöhte. Dies erhöhte den Bedarf an Wohnraum immens. Zu Beginn der 50er Jahre wurden zahlreiche Wohnungen in Oberesslingen und in der Pliensauvorstadt gebaut. Mit dem Zollberg und den Lerchenäcker entstanden Ende der 50er sogar neue Stadtteile. Bis 1957 hatte die EWB insgesamt 950 Wohnungen errichtet. Bald sah die kommunale Stadtplanung neben Mietwohnungen auch Eigentumswohnungen und Eigenheime vor, um eine gesellschaftliche Durchmischung zu erreichen . Folgerichtig erweiterte die EWB ihr Portfolio, indem sie Eigentumswohnungen, Eigenheime und kleine Einkaufsviertel baute und damit zur Stadtentwicklung beitrug. Um die wachsende Bautätigkeit zu finanzieren, wurde 1958 das Stammkapital der Esslinger Wohnungsbaugesellschaft auf drei Millionen Deutsche Mark erhöht. Mit dem Wirtschaftswunder wuchsen ab den 1960er-Jahren die Ansprüche an die eigenen vier Wände . Die EWB sorgte mit großzügigen Grundrissen, Zentralheizung und der ersten Tiefgarage in Esslingen für mehr Wohnqualität. Gleichzeitig begann die Modernisierung bestehender Wohnungen.
Zu Beginn der 1970er-Jahre konnten die Bewohner der letzten Esslinger Notunterkünfte wie der Barackensiedlungen Schwertmühle und Schorndorfer Straße 24 umgesiedelt werden. Die Notunterkünfte wurden in der Tobias-Mayer-Straße erst Mitte der 80er-Jahre abgerissen . Dort wurden 24 öffentlich geförderte Mietwohnungen gebaut. Mitte der 1970er lebte ungefähr jede 18. Person in Esslingen bei der EWB. Diese Erfolgsgeschichte setzte sich fort bis in die Gegenwart. Seither ist die Tätigkeit der EWB als Projektentwickler und Bauträger immer wichtiger geworden. Darum kümmert sich die ESPEG Esslinger Projektentwicklungsgesellschaft mbH, ein Unternehmen der EWB und der nbw – Gesellschaft für nachhaltiges Bauen und Wohnen mbH. Das Unternehmen verantwortet die Errichtung, Bewirtschaftung und Verwaltung von Gebäuden. Altbausanierungen gehören ebenfalls zum Geschäftsfeld. Außerdem wurde 2012 die EWB Projektmanagement und Bauen GmbH & Co. KG gegründet. In dieser Tochtergesellschaft sind Neubauaktivitäten gebündelt. Heute versteht sich die EWB unter Leitung von Geschäftsführer Hagen Schröter und Oberbürgermeister Matthias Klopfer als EWB-Aufsichtsratsvorsitzenden nicht mehr nur als Vermieterin. Man biete Menschen mit kleinem und mittlerem Einkommen die Möglichkeit, Wohneigentum zu erwerben. Zu den städtebaulich hervorstechenden Projekten der neueren Zeit gehören neben dem Neubauquartier Flandernhöhe mit 200 Miet- und Eigentumswohnungen die Grünen Höfe in der Pliensauvorstadt sowie der Ausbau des Hengstenberg-Areals, wo durch die Sanierung von Bestandsgebäuden und die Schaffung neuer Gebäudekomplexe eine Vielzahl an Nutzungen vereint werden.