Deutschland gilt als eines der wohlhabendsten Länder der Welt - und doch sich viele Menschen schwer mit dem Thema Geldanlage. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren tief greifend verändert: Die Zinswende hat das jahrzehntelange Niedrigzinsumfeld beendet, die Inflation nagt am Ersparten, geopolitische Unsicherheiten verunsichern die Anleger. Beim Round Table im Pressehaus Stuttgart, zu dem die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten Bank- und Investmentexperten eingeladen hatte, wurde deutlich: Das Interesse an Geldanlage ist groß, aber das Wissen darüber oft begrenzt. Moderator Chris Fleischhauer stellt zu Beginn die zentrale Frage: „Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen in die Beratung?“
Sicherheit gesucht
Für Matthias Binder, Leiter Privatkunden Stuttgart Süd bei der BW-Bank, steht fest: Die Rückkehr zu höheren Zinsen hat viele wachgerüttelt - aber nicht unbedingt im Sinne einer mutigen Neuorientierung. „Wir sehen eine deutlich gestiegene Nachfrage nach klassischen Produkten wie Festgeld“, erklärt er. Die Menschen suchten Sicherheit - und greifen dabei zu vertrauten Mitteln.
Johannes Ehmann, Gebietsleiter Wealth Management & Private Banking Süd/West bei der Commerzbank, beobachtet eine Spaltung unter den Kunden. „Die einen fragen konkret nach den Auswirkungen der geopolitischen Krisen - Ukrainekrieg, Nahost, China. Die anderen interessieren sich vor allem für die Höhe des Zinssatzes beim Festgeld für drei Monate.“ Auffällig sei die ungebrochene Popularität des Sparbuchs, obwohl es faktisch keine Rendite mehr bietet - und unter dem Strich sogar Vermögen vernichtet, wenn man die Inflation berücksichtigt. Ehmanns Statement: „Ich habe noch niemanden gesehen, der mit dem Sparbuch reich geworden ist.“ Joachim Wolfangel, Niederlassungsleiter der Quirin Privatbank AG in Stuttgart, ordnet ein: Zwar wachse die Geldmenge, doch der Zugang zu professioneller Beratung und damit zu sinnvollen Investmentstrategien sei weiterhin nicht für alle selbstverständlich.
Besonders in wirtschaftlich angespannten Zeiten, in denen die Preise steigen und das Vertrauen in die Stabilität schwindet, sei die Hemmschwelle hoch.


Wissen fehlt
Ein zentrales Problem sehen die Experten im mangelnden Finanzwissen. „In deutschen Schulen lernt man, Nietzsche zu interpretieren, aber nicht, wie man eine Steuererklärung macht oder einen ETF auswählt“, sagt Joachim Wolfangel. Dass grundlegende ökonomische Bildung immer noch kein fester Bestandteil der Lehrpläne ist, betrachten alle Anwesenden als großes Versäumnis. Die unter 30-Jährigen seien deutlich offener für Wertpapiere. „Sie nutzen digitale Angebote, informieren sich über soziale Medien und sparen bewusster.“ Johannes Ehmann bestätigt diesen Trend und verweist auf den Einfluss moderner Technik. „Apps machen das Thema Geld greifbarer. Der Einstieg wird erleichtert - und das Interesse steigt.“ Wichtig ist nach Meinung der Experten vor allem eine durchdachte, langfristige Anlagestrategie.
Risiko minimieren
Und die beginnt mit einem Grundprinzip: Diversifikation. „Breit streuen ist die einzige kostenlose Form der Risikominimierung“, erklärt Wolfangel. Wer auf verschiedene Anlageklassen, Regionen und Branchen setzt, reduziert das Risiko einzelner Schwankungen ohne auf Renditechancen zu verzichten. Matthias Binder ergänzt: „Rendite und Risiko gehören untrennbar zusammen. Wer nur auf Sicherheit setzt, zahlt oft drauf - nämlich durch die Inflation.“
Und die ist nicht zu unterschätzen. „Ein Sparbuch mit null Prozent Zinsen bei drei Prozent Inflation bedeutet einen realen Wertverlust von drei Prozent jährlich“, rechnet Johannes Ehmann vor. „Wer nicht investiert, verliert - ganz einfach. Das größte Risiko ist Nichtstun.“ Dabei sei Geduld gefragt, betonen alle Teilnehmer. Joachim Wolfangel warnt vor dem Glauben an schnelle Gewinne. „Wer auf kurzfristige Trends setzt oder glaubt, den Markt regelmäßig schlagen zu können, der verzockt oft mehr, als er gewinnt.“ Auch Matthias Binder unterstreicht: „Es geht nicht ums Zocken, sondern um eine kluge Strategie - und die muss individuell zum Anleger passen.“
Beratung und Information
Ein beliebtes Instrument sind ETFs, börsengehandelte Indexfonds. Joachim Wolfangel erklärt: „Mit acht bis neun ETFs lässt sich ein global diversifiziertes Portfolio abbilden - kostengünstig, transparent, effizient.“ Gerade bei jungen Anlegern stoßen sie auf großes Interesse. Uwe Seeger, Leiter Produktmanagement Wertpapier & Depot bei der BW-Bank, sieht darin einen Vorteil: „Die Jüngeren können sich unter einem ETF etwas vorstellen - sie wissen, wie er funktioniert.“ Es gilt, auch hier ersetzt Information keine Beratung. ETFs sind kein Wundermittel, sondern ein Werkzeug im Anlagebaukasten. Geldanlage ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wer bereit ist, Zeit zu investieren - sowohl in Wissen als auch in strategisches Denken -, kann langfristig profitieren. Johannes Ehmann sagt es so: „Es geht nicht darum, die Nadel im Heuhaufen zu finden, sondern den ganzen Heuhaufen zu besitzen. Dann ist die Nadel auch dabei.“
Von Ingo Dalcolmo