Der Ort ist prominent. Wo historisch schon immer das Leben spielte, wo Menschen handelten, sich austauschten, im Herzen der Stadt am Stuttgarter Marktplatz, dort ist das neue Haus des Tourismus entstanden. Gebaut wurde es auf den Grundfesten des einstigen Kaufhauses Breitling nach dem Entwurf von ASP Architekten.
Und die Kreativen sind tief in den Genius Loci, in den Geist des Ortes, sowie dessen Umfeld eingetaucht. „Der Stuttgarter Marktplatz als belebter Platz mit Wochenmarkt und einer Mischung aus Einzelhandel und Gastronomieangeboten hatte über Jahrzehnte an einer Seite eine Art blinden Fleck“, so Cem Arat, Geschäftsführender Gesellschafter von ASP, die Lage beschreibend.
Während sich im Norden des Platzes die Geschäftshäuser im Stile der 1950er-Jahre zum Marktplatz hin öffnen, sei das Modehaus Breitling im Süden mit seiner verschlossenen Fassade eine „isolierte Erscheinung“ gewesen. Abgerissen wurde es aber nicht, sondern kernsaniert und transformiert.
Geschäftsführender Gesellschafter asp
„Von Anfang an war klar, dass wir mit dem Bestandsgebäude arbeiten wollen“, erläutert der Architekt. „Unser zentraler Ansatz war dabei, die zum Marktplatz gewandte Fassade zu öffnen, in ihrer Bedeutung zu stärken, das öffentliche Leben ins Haus hinein zu holen und den Platz mit gastronomischen Angeboten aktiv zu bespielen.“
Es galt, Bezüge in beide Richtungen zu schaffen. „Beim Betreten des Gebäudes sollte das Gefühl entstehen, der Marktplatz verlängere sich in das neue Haus hinein. Im Inneren und auch von der Dachterrasse aus sollten sich wiederum neue Perspektiven auf den Marktplatz und das Rathaus ergeben.“
Letzteres ist an der Nordseite von der kleinteiligen Struktur der 1950er-Jahre-Bauten umgeben. Und um dessen Bedeutung als dominantem Stadtbaustein zu unterstreichen, wurde das Haus des Tourismus bewusst in dieses Gefüge eingebettet.

Die Fassade zum Marktplatz bildet das zentrale gestalterische Element: „Sie gliedert sich konstruktiv in vier Teile, die nach außen hin ablesbar sind“, so Arat. „Das Erdgeschoss mit i-Punkt und Gastronomie ist mit einer großzügigen Verglasung versehen, die den Blick auf den Platz freigibt und einladend wirkt.“
Markante Rahmenkonstruktionen an den Obergeschossen, in denen die flexiblen Büroflächen der Stuttgart-Marketing GmbH, Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus GmbH und Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg untergebracht sind, verleihen zudem der Fassade Struktur und orientieren sich an der beschriebenen Kleinteiligkeit. Referenzen an die 1950er weist zudem das zurückgesetzte Dachgeschoss mit Rooftop Bar auf.
Anders als der Breitling-Bau zuvor soll das Haus des Tourismus für alle und für die Zukunft da sein. Diesem Wunsch folgend, haben die Architekten ein Gebäudekonzept entwickelt, das auf Multifunktionalität und Flexibilität setzt.
Cem Arat: „Das Gebäude entwickelt durch seine verschiedenen Nutzungen eine an diesem Ort bislang nie da gewesene Lebendigkeit vom Morgen bis in die Nacht hinein. Die Vielfalt des Gebäudes findet sich auch in einem offenen ersten Obergeschoss wieder. Es macht ein Angebot an externe Nutzer mit Flächen für Workshops und Besprechungszonen, bringt zusätzlich Öffentlichkeit ins Haus.“
Zudem Nachhaltigkeit: Der Entwurf ist ein klares Bekenntnis zu konsequentem Bestandserhalt. Arat bezeichnet das als wohl prägendste Entscheidung. „Allein durch den Erhalt und die Ertüchtigung des konstruktiven Bestands konnten wir im Vergleich zu einem kompletten Neubau in konventioneller Bauweise circa 30 Prozent CO₂-Emissionen einsparen.
Im Sinne des Zirkulären Bauens haben wir außerdem alle konstruktiven Erweiterungen in Holz errichtet, um im Gebäude biobasierte Materialien und Bauteile einzubringen und dauerhaft CO₂ zu binden.“
Insgesamt seien rund 500 Kubikmeter Holz verbaut, was etwa 500 Tonnen CO₂ entspreche. Konstruktive Eingriffe, die nicht aus Holz möglich waren, seien nahezu komplett aus ressourcenschonendem Beton errichtet worden. Alle baulichen Eingriffe wurden dabei so ausgeführt, dass sie später rückgebaut werden könnten.

„Um eine umweltfreundliche Energieversorgung sicherzustellen, wurden auf dem Dach sowie an Teilen der Fassade des Dachgeschosses PV-Module installiert“, beschreibt Arat.
Und: Drei der Fassaden wurden begrünt, genauso die Dächer. „Wodurch wir nicht nur zur Regenwasserrückhaltung und Gebäudekühlung beitragen, sondern auch die Biodiversität fördern und das Mikroklima verbessern.“
Wie zukunftsweisend das Haus des Tourismus ist, betont auch Thomas Fuhrmann, Stuttgarts Bürgermeister für Wirtschaft, Finanzen und Beteiligungen. Eine „Institution von städtischer und regionaler Bedeutung sowie Aushängeschild für Stuttgart als Tourismusdestination“, nennt der Aufsichtsratsvorsitzende von Stuttgart-Marketing GmbH den Bau.
„Es dient als Schaufenster für die gesamte Region und ist der ideale Ausgangspunkt für alle, die Stuttgart und das Umland entdecken wollen - ganz gleich, ob Einheimische, Tagesgäste oder Besucherinnen und Besucher aus der Ferne.“ Darüber hinaus biete es eine Plattform für Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichsten Akteuren aus Stadt und Region.
Bürgermeister der Stadt Stuttgart
„Mit seiner offenen Ausrichtung steht das Haus für Gastfreundschaft, Offenheit und die Zukunftsfähigkeit des Tourismus.“ Dessen moderner, offener Stil lade zum Entdecken, Verweilen und kreativen Arbeiten ein. Das Haus erfülle eine multifunktionale Rolle als Raum für Information, Erlebnis und Begegnung, ergänzt durch ein gastronomisches Angebot. „Auch die Nachbarschaft von Politik und Tourismus unter einem Dach bietet neue Chancen für eine noch engere Zusammenarbeit.“
So wünscht Fuhrmann dem Haus des Tourismus hohe Akzeptanz, viel Publikum, dass es sich zu einem Treffpunkt und Erlebnisort entwickeln möge, mit dem sich Stadt und Land stark identifizierten. Kurz: „Ein Leuchtturmprojekt, das Signalwirkung für Tourismus und Stadtentwicklung entfaltet.“ Besonders wichtig sei, „dass die Stuttgarterinnen und Stuttgarter das Haus als ihr eigenes begreifen und sich dabei zugleich als Gast und Gastgeber verstehen.“ Petra Mostbacher-Dix