Auf dem Marktplatz, wo am Morgen noch Salatköpfe den Besitzer wechselten, wird am Abend des Schmotzigen Donnerstags ein Parcours aufgebaut - mit Wippe, Stadttoren, Brücken und hölzernem Brunnen. In einem dreirädrigen Holzkübele sitzend stürzen sich die Teams in den närrischen Hindernislauf, angefeuert von einer großen Zuschauerschar. Bad Cannstatt ist eine der nördlichsten Hochburgen der schwäbisch-alemannischen Fasnet, und schon deshalb ist die fünfte Jahreszeit am Neckar etwas ganz Besonderes. Schelmerei und Narretei werden vom Kübelesmarkt, dem 1925 gegründeten Cannstatter Zunftverein, gehegt und gepflegt.
Der Kübelesmarkt, Mitglied in der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte 1924, ist längst zur Institution für Fasnet und Brauchtum geworden, und die Cannstatter Fastnacht ist aus dem gesellschaftlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Nicht nur am Schmotzigen Donnerstag, wenn die Narren nach dem Rathaussturm und der Machtübernahme zum traditionellen Kübelesrennen antreten und danach alle gemeinsam ausgelassen Straßenfasnet feiern. Der Kübelesmarkt mit seinen rund 600 Mitgliedern in zehn Abteilungen hält in der närrischen Diaspora die Fahne der schwäbisch-alemannischen Fasnet hoch und hat in Bad Cannstatt eine sehr lebendige Fastnacht mit traditionellem Hintergrund etabliert. Und alles begann mit dem ersten Küblerball anno 1924 unter dem Motto „Mit dem Zeppelin zum Mond“. Viel Wasser ist seitdem den Neckar hinunter geflossen, und noch immer ist der Große Küblerball im Kursaal einer der Höhepunkte der Cannstatter Fastnacht.

Vieles, was die Cannstatter Fastnacht ausmacht, ist in dem Aushänger am Zunfthaus der Kübler in der Küblergasse abgebildet. Der Mann in der Mitte mit schwarzer Hose, weißem Hemd, roter Weste, schwarzem Janker, Küblerknoten, schwarzem runden Bauernhütchen mit langer Edelfasanfeder trägt die Küblertracht. Ganz oben auf dem Schild hängt Wäsche an einer Leine, die auf die Waschweiber verweist, die eine eigene Abteilung der Kübler sind. Bewaffnet mit Klobürste und Rasierschaum ziehen die Waschweiber während der Fasnetszeit durch Cannstatts Kneipen und Gassen, seifen mit Witz und Charme Männer ein und machen sie „schö“, indem sie ihnen neue Frisuren verpassen und mit ihren begehrten, liebevoll gestalteten „Klämmerla“ krönen.
Die Hauptfiguren des Kübelesmarktes sind die Felben
Auf der linken Seite am Küblerhaus-Aushänger ist, schon ein wenig verblasst, der Halbmond zu sehen. Das ist zum einen ein Hinweis auf die Narrenfigur der Mond, die einzige Maske der schwäbisch-alemannischen Fasnet, die zwei Gesichter zeigt: vorne den Vollmond, von der Seite den Halbmond. Und es erinnert an den Spitznamen der Cannstatter Mondlöscher, der auf eine wahre Ortsgegebenheit basiert, die sich 1887 zutrug. Der Türmer von der Stadtkirche sah nämlich nachts einen roten Feuerschein Richtung Uffkirche und alarmierte die Freiwillige Feuerwehr. Als die Brandlöscher zur Uffkirche kamen, sahen sie, dass es nur die Reflexion des roten Blutmondes war. Die Mondlöscher, gekleidet in alte Feuerwehruniformen sind eine eigene Abteilung bei den Küblern.
Die Hauptfiguren des Kübelesmarkts sind die Felben, der mundartliche Ausdruck für Korbmacherweiden. Ihren Ursprung haben die Maskenträger von einem Spitznamen der Cannstatter, nämlich Felbaköpf. Entstanden sind sie im Jahr 1952 und zwar nach einer Ortslegende, die auf eine Begebenheit in den „Pfälzischen Erbfolgekriegen“ von 1688 bis 1697 beruht. Demnach war die Cannstatter Bürgerwehr aus Angst vor den französischen Soldaten in Alarmbereitschaft versetzt worden. Am frühen Morgen zogen Nebelschwaden über den Neckar, und der Wachhabende sah baumlange Kerle am anderen Ufer. Als sich der Nebel lichtete, waren die tapferen Cannstatter sehr erstaunt, dass die „Franzosen“ nur Felben waren.
Die Maske der Felbe ist aus Lindenholz und stellt den Kopf der Weide dar. Das Häs besteht aus bunten Blätzle in den Farben grün, rot, orange und braun, in der Hand trägt die Felbe eine Weinbergrätsche, und gemeinsam machen die rund 180 Felben in der fünften Jahreszeit die Cannstatter Innenstadt unsicher. Eva Herschmann
Fastnacht in Cannstatt
Schmotziger Donnerstag, 12. Februar:
10 Uhr, Närrischer Wochenmarkt auf dem Marktplatz
18 Uhr, Rathaussturm, Altes Rathaus
19 Uhr, Kübeles-Rennen, Marktplatz anschließend Straßenfasnet
Fasnetssamstag, 14. Februar:
13.30 Uhr, Kinderküblerball, Großer Kursaal
20.01 Uhr, Großer Küblerball mit Programm und Livemusik, Großer Kursaal
Fasnetssonntag, 15. Februar:
16.30 Uhr, „Felben-Historie“, Festspiel am Mühlgrün
18 Uhr, Fasnetsgottesdienst, Stadtkirche.
Rosenmontag, 16. Februar:
12 Uhr, Fasnetsausrufen, Straßenfasnet
16.30 Uhr, „Närrisches Tribunal zu Cannstatt“, Küblergasse
19 Uhr, „Schnurren und Schnitzelbänk“, Altstadt
Fasnetsdienstag, 17. Februar:
9 Uhr, „Närrisches Wecken“ mit Spielmannszug, Tanzgarde und Felben
12 Uhr, Geizigrufen, Marktstraße
14.30 Uhr, Kinderumzug durch die Altstadt mit anschließendem Wurstsegen und Kinderfasnet auf dem Marktplatz, Start bei der Stadtkirche in der Marktstraße
18 Uhr, Brunnengeistversenken, Jakobsbrunnen
19 Uhr, „Hesekiel-Romtrage“ durch die Wirtschaften der Altstadt
19 Uhr, Kehrausball der Jungkübler im Wirtshaus zur Alten Schmiede
23.45 Uhr, Trauermarsch, Start Küblerhaus 0 Uhr, Fastnachtsverbrennsäufung, Wilhelmsbrücke
Aschermittwoch, 18. Februar:
19 Uhr, Geldbeutelwäsche, Erbsenbrunnen
eha