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Tag des Handwerks in Stuttgart: Handwerk tut gut und tut Gutes

Präsident Rainer Reichhold betont die Bedeutung des Handwerks: Glück, Karrierechancen und zentrale Rolle bei Energiewende, Digitalisierung und Fachkräftesicherung. Aktionen und Mitmachangebote in der Region.

Wer im Handwerk arbeitet, weiß, wie gut sich Arbeit anfühlen kann. Handwerkerinnen und Handwerker sitzen nicht den ganzen Tag am Schreibtisch, sondern schaffen in einem engagierten und familiären Team mit eigenen Händen bleibendes, auf das sie stolz sein können – ob ein selbstgebautes Möbelstück, eine installierte Solaranlage oder ein repariertes Auto.

Am Tag des Handwerks zeigt die gesamte Branche mit vielfältigen Aktionen ihr Können. Der diesjährige Aktionstag steht unter dem Motto „Handwerk tut gut“. Foto: z
Am Tag des Handwerks zeigt die gesamte Branche mit vielfältigen Aktionen ihr Können. Der diesjährige Aktionstag steht unter dem Motto „Handwerk tut gut“. Foto: z

Herr Reichhold, der Tag des Handwerks 2025 steht unter dem Motto„Handwerk tut gut“. Wie wirkt sich die Arbeit in der Branche denn positiv auf Handwerkerinnen und Handwerker aus?

Der Arbeitstag bietet das, was sich vor allem viele junge Menschen wünschen: eine gesellschaftlich relevante und nachhaltige Tätigkeit. Studien belegen: Arbeit im Handwerk macht glücklich – das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen. Hinzu kommen guter Verdienst, spannende Karriereaussichten und, wer möchte, der vergleichsweise schnelle Weg in eine Führungsposition oder sogar auf den Chefsessel. Das ist aber nur ein Bereich, in dem das Handwerk seine positive Wirkung entfaltet. Die knapp 190.000 Beschäftigten in über 32.000 Betrieben in der Region Stuttgart tragen Tag für Tag wesentlich dazu bei, dass es unserer Gesellschaft heute und in Zukunft gutgeht.

Können Sie das noch etwas genauer beschreiben? In welchen Bereichen bewirkt das Handwerk, dass es uns als Gesellschaft gutgeht?

Kammerpräsident Rainer Reichhold Foto: KDBUSCH.com
Kammerpräsident Rainer Reichhold Foto: KDBUSCH.com

Jeder profitiert von einem leistungsstarken Handwerk: ob durch eine neue Brille vom Optiker, frisch verlegtes Parkett oder leckere Produkte vom Bäcker und Metzger. Gleichzeitig schafft das Handwerk tausende Arbeitsplätze und engagiert sich ehrenamtlich-in Prüfungsausschüssen, kommunalen Gremien, beim Technischen Hilfswerk oder mit Aktionen direkt im Betrieb. Unsere gesamte Gesellschaft steht derzeit vor großen Herausforderungen, die dringend angepackt werden müssen - dafür braucht es das Handwerk. Nur einige Beispiele: Bei der Energiewende sind unsere Betriebe Schlüsselakteure von der Installation klimafreundlicher Wärmepumpen über die Montage von Ladestationen für E-Autos bis hin zur energetischen Sanierung. Wer im Handwerk arbeitet, treibt die Energiewende jeden Tag mit den eigenen Händen voran. Auch neuer Wohnraum und Infrastruktur wird nicht allein durch Geld entstehen, dafür braucht es hoch qualifizierte Fachkräfte. Deshalb ist der heutige Tag des Handwerks so wichtig: Die Branche steht im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit und wir machen darauf aufmerksam, welche wichtigen Leistungen die Handwerkerinnen und Handwerker auf den Baustellen und in den Betrieben vollbringen.

Trotzdem kämpfen viele Handwerksbetriebe mit Fachkräftemangel und unbesetzten Ausbildungsplätzen. Welche konkreten Maßnahmen ergreift die Handwerkskammer Region Stuttgart, um junge Menschen für das Handwerk zu begeistern?

Der hohe Fachkräftebedarf ist eine große Herausforderung. Wir müssen mehr junge Menschen für den Karriereweg im Handwerk gewinnen und langfristig binden.

Neben sinnstiftenden Aufgaben bietet das Handwerk auch finanziell attraktive Perspektiven: Wer sich nach der Ausbildung weiterbildet, hat vergleichbar gute Verdienstaussichten wie mit einer akademischen Ausbildung das haben die Handwerkskammern in Baden-Württemberg in einer gemeinsamen Studie aufgezeigt. Hier ist noch mehr Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft nötig, das wollen wir mit vielfältigen Maßnahmen erreichen: Mit unserer Plattform 130 Chancen informieren wir umfassend über alle Ausbildungsberufe im Handwerk und geben in Videos echte Einblicke in den Azubi-Alltag.

In unserer Lehrstellenbörse sind freie Ausbildungs- und Praktikumsplätze in der gesamten Region zu finden. Unsere Berufsorientierungsexpertinnen und -experten sind in Schulen, auf Ausbildungsmessen und bei Elternabenden im Einsatz und klären über die guten Karrierechancen auf. Dazu kommt eine Vielzahl kreativer Aktionen wie ein Escape-Room für Schulklassen oder Azubi-Speed-Datings.

Nach wie vor gibt es im Handwerk auch weniger Frauen als Männer. Welche Strategien verfolgt die Handwerkskammer, um mehr Frauen für handwerkliche Berufe zu gewinnen?

Das Thema liegt uns sehr am Herzen -wir wollen veraltete Rollenbilder und Vorurteile abbauen. Gerade viele technische Berufe sind noch immer männerdominiert. Dabei erleben wir häufig, dass junge Frauen in diesen Berufen sehr gute Leistungen zeigen, nicht selten sogar als beste ihres Ausbildungsjahrgangs. Mit Aktionen wie dem Girls’ Day ermöglichen wir es Mädchen, eher technische Berufe wie im Kfz-Handwerk oder im Elektro-Handwerk direkt in der Praxis kennenzulernen. Ebenso wichtig sind starke weibliche Vorbilder, die beispielsweise auf Social Media zeigen, wie vielfältig und erfolgreich eine Handwerkskarriere sein kann.

Schauen wir uns noch ein fachliches Thema an. Digitalisierung bietet enorme Chancen, stellt aber auch viele Betriebe vor Herausforderungen. Wie unterstützt die Handwerkskammer ihre Mitglieder bei der digitalen Transformation?

Die Betriebe entwickeln sich durch den Einsatz digitaler Technologien immer weiter. So lassen sich Aufgaben effizienter lösen und zukunftsfähige Geschäftsmodelle entwickeln. Roboter übernehmen zum Teil schon körperlich anstrengende Arbeiten wie Fräsen oder Sortieren von Material, Künstliche Intelligenz optimiert die Lagerhaltung und die Baustellendokumentation oder Terminplanung laufen oft digital über Tablet oder Smartphone ab – das ist einfach, effizient und zeitsparend. Damit auch kleinere Betriebe bei diesen Entwicklungen schritthalten können, bietet die Handwerkskammer ein breitgefächertes Beratungsangebot rund um die Digitalisierung an – von Web Seminaren zu KI und Cybersicherheit bis zur individuellen Unterstützung direkt im Unternehmen.

Viele Betriebe klagen über bürokratische Hürden und steigende Kosten. Welche politischen Veränderungen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um das Handwerk zu entlasten und mehr unternehmerische Freiheit zu schaffen?

Vor allem die vielen Dokumentationspflichten belasten die Betriebe. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer müssen einen großen Anteil ihres Arbeitstages am Schreibtisch mit Bürokratie verbringen. Das schadet dem Geschäft und schreckt junge Fachkräfte davor ab, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Hier brauchen wir eine Kehrtwende – weniger Bürokratie, mehr Vertrauen und Realitätsnähe. Insgesamt vermisst das Handwerk eine klare Handschrift der neuen Bundesregierung zugunsten des Mittelstands. Lippenbekenntnisse bringen nichts, wenn darauf keine Taten folgen. Deutlich sichtbar wurde das bei der einseitigen Entlastung bei der Stromsteuer. Wir erwarten schnell umsetzbare und wirksame Maßnahmen für das Handwerk.

Abschließend: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Handwerks in der Region Stuttgart, und welche Botschaft möchten Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, die vor der Berufswahl stehen?

Das Handwerk steht bereit, seinen Beitrag zur Modernisierung des Landes zu leisten. Dafür braucht es aber mittelstandsfreundliche Rahmenbedingungen – weniger Bürokratie, gezielte finanzielle Entlastungen und die Stärkung der dualen Ausbildung. Wenn die Politik den Schalter umlegt, kann das Handwerk seine Stärken voll ausspielen – und Deutschland sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich voranbringen.

Meine Botschaft an junge Menschen: Probiert euch aus! Macht Praktika, am besten in mehreren Betrieben und Gewerken. Für jedes Talent gibt es den passenden Beruf. Berufe, von denen ihr noch nie etwas gehört habt, sind vielleicht genau die Richtigen für eure Erwartungen. Und wer mehr will ob als Ausbilder, Unternehmer oder mit zusätzlichem Studium - findet im Handwerk hervorragende Chancen, um Großes zu erreichen.

Alles rund um den Tag des Handwerks

Am Tag des Handwerks zeigt die gesamte Branche mit vielfältigen Aktionen, wie unverzichtbar das Handwerk für unser Land ist. Der diesjährige Aktionstag steht unter dem Motto "Handwerk tut gut“ und rückt in den Fokus, welche positiven Einflüsse die Arbeit in einem Handwerksberuf auf das eigene Wohlbefinden, aber auch auf unsere Gesellschaft insgesamt hat: ob durch soziales Engagement, den wichtigen Beitrag zur Energiewende, die Versorgung mit frischen Lebensmitteln oder Gesundheitsdienstleistungen wie eine neue Prothese.

Überall veranstalten heute Handwerksbetriebe und -organisationen besondere Aktivitäten. Im Freilichtmuseum in Beuren lädt die Kreishandwerkerschaft Esslingen-Nürtingen zu Mitmach-Aktionen ein, bei denen sich zahlreiche Gewerke und Innungen der Öffentlichkeit präsentieren und Handwerksberufe live erlebbar sind. Auch die Handwerkskammer ist mit einem Stand vor Ort.

Im Stadtkreis Stuttgart heißt es„Handwerk on Tour“: Kammerchef Peter Friedrich und Handwerksmaskottchen Karle besuchen drei Betriebe aus dem Friseur-, Augenoptiker- und Bäckerhandwerk- und gehen kniffligen Fragen auf den Grund.

Alle Aktionen können auf dem Instagram Kanal der Handwerkskammer (@hwkstuttgart) verfolgt werden.

Zur Person

Rainer Reichhold ist seit 2005 Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart.

Der Elektroinstallateurmeister aus Nürtingen vertritt als Spitze einer der größten Handwerkskammern in Deutschland die Interessen von über 32.000 Handwerksbetrieben in den Landkreisen Böblingen, Esslingen, Ludwigsburg, Göppingen, dem Rems-Murr-Kreis sowie dem Stadtkreis Stuttgart. Seit 2015 ist er ebenfalls Präsident des Landesverbands Handwerk BW.