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Sidi Larbi Cherkaoui: Grenzenlose Freiheit - weite Leere

Der Tanz- und Choreografiestar gastiert am 7. und 8. Juli, jeweils 20 Uhr, im Theaterhaus.

Sidi Larbi Cherkaoui: Grenzenlose Freiheit - weite Leere

"Nomad“  Foto: Filip Van Roe

"Freilich prägt einen die eigene Herkunft, aber nicht im Sinne von Nationalitäten, sondern im Sinne von Landschaften und Umgebung. Wenn du in den Bergen geboren wurdest, denkst du anders, als wenn du am Meer groß wurdest.“ Das beschrieb Tanz- und Choreografiestar Sidi Larbi Cherkaoui einst im Interview, als es um seine flämisch-marokkanischen, katholisch-muslimischen Wurzeln ging. Nach vielen Ausflügen in andere Genres von Ballett und Oper bis Kunst und Film arbeitet der gebürtige Antwerpener, seit der Spielzeit 2022/23 auch Direktor des Ballet du Grand Théâtre de Genève, wieder mit seiner eigenen Company Eastman. Für sie schuf er all seine freien Werke.

Und er kehrt zu seiner Abstammung zurück: "Nomad“, eine Hommage an Marokko, thematisiert die Wüste und ihre Menschen. Sie durchwandern mit ihren Tieren die trockene, rissige Erde. In surrealen, teils melancholischen Szenen schildert er, wie Flüchtende und Suchende nach Wasser und Gemeinschaft dürsten, nach Trost und Hilfe, ohne die niemand in der weiten Leere überleben kann. 

Aber er zeigt auch die grenzenlose Freiheit dieser einsamen Landschaft. Zu afrikanischen und orientalischen Klängen, live gespielt, kämpfen die stolzen Nomadinnen und Nomaden gegen die Elemente. Da ist es unsagbar heiß, dann tropft Regen auf den Sand, zu dem die Menschen auch selbst mutieren. Cherkaoui, Meister kosmopolitischer Ästhetik, erfindet magische Bilder endlosen Wanderns. Oder auch die Schönheit arabischer Ornamente im fließenden Tanz, der Sanddünen, tiefrot glühend in einem fantastischen Sonnenuntergang, der zur Apokalypse werden könnte.



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Verletztlich, vergnügt, stark

Zwei kanadische Choreografinnen aus der Provinz Québec stehen beim Colours International Dance Festival 2025 für die lebendige zeitgenössische Tanzszene Kanadas: Marie Chouinard und Virginie Brunelle.

AIs sie einst nach ihren Inspirationen gefragt wurde, musste Marie Chouinard schmunzeln: Sie suche nicht nach danach, antwortete sie - und verglich Inspiration mit Atmen. „Ich blicke auf die Welt! Alles ist da, es platzt und fließt aus mir heraus, ich habe zu viel Inspiration - als ob mein Leben zu kurz wäre, um all diese Stücke zu machen, die ich kreieren möchte.“ 

Und so durchlief Marie Chouinard in den vergangenen 40 Jahren alle Stadien vom Enfant terrible bis zur Koryphäe des kanadischen Tanzes. Ab Ende der 1970er Jahre mischte sie als radikale Solokünstlerin die Szene auf. 1990 gründete sie in Montreal die Compagnie Marie Chouinard. Mit dieser ist sie mit einer deutschen Erstaufführung am 9. und 10. Juli, jeweils um 19.30 Uhr, auf dem Colours Dance Festival zu Gast: „Magnificat“ zu Johann Sebastian Bachs lateinischem Chorwerk. Zudem hat sie eine Choreografie im Gepäck, die vor 20 Jahren einen Welterfolg zu Bachs Goldberg-Variationen feierte - Chouinard präsentiert sie in der der überarbeiteten Version „BodyremixRemix“ von 2025. 

Darin dekonstruiert sie das Spitzenschuh-Ballett und versieht ihr Ensemble mit Krücken, Prothesen und Stangen an Hand, Bein und Fuß. Dadurch stellt sie die Wahrnehmung der menschlichen Hülle in Frage und erkundet Variationen der Freiheit, Normen, Definition und des Andersseins, körperlich wie geistig. So entstehen Akte voller Vergnügen und Innovation, aber auch Anstrengung, die die Befindlichkeiten des Menschseins widerspiegeln, als Fest des Körpers und der Geheimnisse lebendiger Wesen. 

Als erhabenes Gebilde choreografiert Chouinard die Sätze des "Magnificat“. Wo Bach die Jungfrau Maria mit jubelnder, leidenschaftlicher, entrückter Stimme sprechen lässt, setzt die Grande Dame des Tanzes voller Anmut ihre Performenden in Bewegung: Als große harmonische Gruppe, aber auch in Trios, Duetten und Soli erforschen sie die Ewigkeit von Raum und Zeit. 

Auf gesellschaftspolitische Erkundungen begibt sich die Company von Virginie Brunelle, der zweiten kanadischen Tanzschaffenden auf dem Festival (12. Juli und 13. Juli, jeweils 19 Uhr). Sie gehört zu den jüngeren Stimmen der höchst lebendigen Tanzszene in Québec. Brunelle zeigt eine europäische Erstaufführung: In „Les corps avalés“ (auf Deutsch: „Verschluckte Körper“) untersucht die Truppe, wie es um die Verhältnisse der Macht bestellt ist, um Ungleichheiten und soziale Umwälzungen. In einer Zeit, die zunehmend von Disputen geprägt ist, in der Kommunikation zum Problem wird, in der Falschmeldungen manipulieren, suchen sieben Ausführende als verletzliche Menschheit zur Musik des Molinari Quartetts nach Sanftheit und Gemeinschaft. Feinnervig nehmen die Darstellenden jede Note der Musizierenden auf, beleben, verstärken und reduzieren sie. Klassische Klänge treffen auf zeitgenössischen Tanz, inspirieren Bewegung kraftvoller, fast kämpferischer Körperlichkeit. Chaos sucht Ordnung und umgekehrt. Brunelle gründete ihre Company 2009 als „choreografischen Organismus“, um Künste und Tanzschaffende zusammenzubringen. Auf der Basis von Musik: Diese seien, so die 42-Jährige, ihre erste Quelle der Inspiration.


Von Petra Mostbacher-Dix