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50 Jahre Rems-Murr-Kreis: "Das macht unseren Landkreis so lebenswert“

Landrat Dr. Richard Sigel im Interview über Erfolgsgeschichten aus Landkreis - Jubiläumsmotto: „Miteinander lebenswerter“ - Gute Lebensqualität

50 Jahre Rems-Murr-Kreis: "Das macht unseren Landkreis so lebenswert“

Landrat Dr. Richard Sigel Foto: z/KD BUSCH.COM/

Herr Sigel, können Sie uns zum 50-jährigen Jubiläum des Rems-Murr-Kreises die drei wichtigsten Erfolgsgeschichten nennen?

Die Gründung des Rems-Murr-Kreises war keine Liebesheirat. Umso mehr ist es ein Erfolg, dass die alten Gräben mittlerweile überwunden sind und man sozusagen von Liebe auf den zweiten Blick sprechen kann. Dazu passend haben wir unser Jubiläumsmotto „Miteinander lebenswerter“ gewählt. Drei Erfolgsgeschichten für mich sind: Unsere Rems-Murr-Kliniken: Die Weichen wurden frühzeitig und richtig gestellt. Die Klinikschließungen waren schmerzhaft, aber wir haben heute zwei leistungsstarke Klinik-Standorte mit Zukunftsperspektive. Der Neubau in Winnenden und die Rems-Murr-Klinik Schorndorf bieten medizinische Versorgung auf höchstem Niveau. Remstal und unser Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald: Wir haben in den letzten Jahren nicht nur im Rahmen der Remstalgartenschau, sondern auch mit neuen Radwegen, Wanderwegen und Spielplätzen viel in den Ausbau der Naherholungsinfrastruktur investiert. Der aktuelle Heimat-Check der Stuttgarter Zeitung belegt, das hat sich gelohnt - der Rems-Murr-Kreis hat sich hier sehr gut platziert, weil die Lebensqualität stimmt. Bewältigung der Flüchtlings-Krise und der Corona-Pandemie: Miteinander haben wir im Rems-Murr-Kreis gezeigt: Wir können Krise und unbürokratisch handeln, letzteres bleibt ein Top-Thema für uns.

Wie steht aus Ihrer Sicht der Landkreis beim ÖPNV da?

Blenden wir das Chaos der letzten Wochen und Monate bei der S-Bahn einmal aus, steht der ÖPNV sehr gut da. Wir haben den ÖPNV in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Der Landkreis investiert jährlich fast 40 Millionen Euro in einen attraktiven und verlässlichen ÖPNV. Die Tarifzonenreform und die Ausweitung des 15-Minuten-Takts waren zwei wichtige Meilensteine. Jüngst haben aber auch das Deutschland-Ticket und das landesweite Schülerticket den ÖPNV gestärkt. Das ist wichtig, denn die Corona-Pandemie mit Fahrgasteinbrüchen und Einnahme ausfällen zu überstehen war ein Kraftakt. Aber eines ist klar: Wir sind noch nicht am Ziel. Gemeinsam mit den Partnern im VVS und abgestimmt auf die Pläne des Landes Baden-Württemberg gilt es, den ÖPNV weiter auszubauen.

Welche Wünsche hätten Sie als Landrat beim ÖPNV noch für die nächsten Jahre?

Ich wünsche mir noch mehr und flexiblere Lösungen für den ländlichen Raum, denn dort wird nie alle 15 Minuten eine S-Bahn fahren können. „On-Demand-Verkehre“, also Busse, die nach Bedarf fahren, könnten eine solche Lösungen sein. Deshalb hat es mich besonders geschmerzt, dass wir kürzlich eine Ausschreibung der On-Demand-Verkehre aufheben mussten, weil das Angebot einfach noch zu teuer war. Nach der Einführung der günstigen Deutschland- und Schüler-Tickets wünsche ich mir aber vor allem auch eine langfristig tragfähige Finanzierung durch das Land und den Bund. Die Enttäuschung der Menschen wäre groß, wenn man aus Kostengründen bei diesen attraktiven Tickets wieder eine Rolle rückwärts machen müsste.

Was hebt den Rems-Murr-Kreis in der Region Stuttgart besonders hervor?

Wir haben mit dem Remstal und seinen Weinbergen, dem Schwäbischen Wald sowie der Backnanger Bucht ein Mosaik an verschiedenen Landschaftselementen. Das ist in dieser Kombination in der Region einzigartig. Der Rems-Murr-Kreis besticht aber nicht nur durch seine schöne Landschaft. Wir sind gleichzeitig auch ein wirtschaftsstarker Landkreis mit mehreren Weltmarktführern. Wir haben also beides: Schöne Landschaften und eine florierende Wirtschaft. Das macht unseren Landkreis so lebenswert.

Wirtschaftlich ist der Rems-Murr-Kreis einer der erfolgreichsten in Baden-Württemberg: Was muss vor allem getan werden, damit es so bleibt?

Wir brauchen dafür weiterhin den Fleiß, die Ideen und die Innovationskraft unserer vielen Unternehmerinnen und Unternehmern. Sie sind der Motor unseres wirtschaftlichen Erfolgs, sie müssen wir nach Kräften unterstützen. Dazu zählt, dass wir für Arbeitskräfte eine attraktive und lebenswerte Region sind und bleiben. Der Landkreis und seine Städte und Gemeinden investieren daher viel in eine gute Infrastruktur für Jung und Alt. Aus meiner Sicht können Verwaltungen auch einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie sich bemühen, moderner, digitaler und insgesamt unbürokratischer zu werden. Nur dann kommen wir bei Zukunftsthemen wie Glasfaserausbau, Digitalisierung und Energiewende auch mit der notwendigen Geschwindigkeit voran.

An welchen Stellschrauben müsste gedreht werden, um der Errichtung neuer und bezahlbarer Wohnungen im Landkreis einen deutlichen Push zu geben?

Es müsste schlicht attraktiver werden, geförderte Wohnungen zu bauen. Eine Erhöhung der Landeswohnbauförderung wäre ein konkreter Ansatz. Für private Investoren war der Bau von geförderten Wohnungen mit Blick auf mögliche Renditen noch nie eine attraktive Option. Das hat sich durch die Zinsentwicklung und gestiegene Baukosten noch verschlechtert. Der Landkreis hat sich daher bereits 2017 das strategische Ziel gesetzt, 500 bezahlbare Wohnungen bis 2028 zu errichten. Deutlich mehr als die Hälfte der Wohnungen haben wir bis Ende dieses Jahres gebaut. Und wir planen trotz der schwierigen Rahmenbedingungen Kurs zu halten.

Welche spezifisch regionalen Herausforderungen bringt der Klimawandel für den Landkreis?

Der Klimawandel ist längst bei uns im Kreis angekommen. Unsere Wälder und Streuobstbäume leiden unter langen und trockenen Sommern. Im Zuge des Klimawandels treten Starkregenereignisse und Hagelschlag häufiger auf. An Rems und Murr steigt außerdem die Hochwassergefahr, denn unsere Flüsse können gerade bei Starkregen nur in begrenztem Maße das Oberflächenwasser abführen.

Ist der Landkreis da auf einem guten Weg?

Nach den Erfahrungen der letzten Krisenjahre sehe ich uns vor allem durch das gelebte Miteinander auf einem guten Weg. Wir sind bei den Top-Themen der Zeit vorne dabei. In Sachen Klimaschutz wurden wir in diesem Jahr in Österreich beispielsweise mit dem „European Climate Star“ ausgezeichnet. Das ist die höchste Auszeichnung, die es im öffentlichen Bereich in Europa für den Klima- und Umweltschutz gibt. Wir müssen den Blick aber immer nach vorne richten. Wir müssen vorausschauen, um voraus zu sein und wir müssen die vielen Herausforderungen gemeinsam angehen. Dann mache ich mir um die Zukunft keine Sorgen.

Eine persönliche Frage: Wo im Landkreis zieht es Sie hin, wenn Sie abschalten oder durchschnaufen wollen?

Ich bin ein Outdoorsportler. Wann immer sich die Gelegenheit ergibt, zieht es mich nach draußen. Ich gehe gerne an die Rems, fahre Mountainbike oder wandere im Schwäbischen Wald mit der Familie. Reimund Abel und Christian Günther

ZUR PERSON - DR. RICHARD SIGEL

- 1977 in Münsingen geboren
- 1998 bis 2006 Jurastudium und Promotion an den Universitäten Heidelberg, Uppsala, Cambridge und Krakau
- 2007 bis 2010 Syndikusanwalt bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)
- 2010 bis 2013 Innenministerium B-W, Dezernent für Verkehr, Recht, Ordnung und Verbraucherschutz im Landratsamt Rems-Murr-Kreis
- 2013 bis 2015 Landkreis Böblingen, Dezernent für Steuerung und Service und Leiter des Eigenbetriebs Klinikgebäude
- 2015 am 11. Mai zum Landrat des RemsMurr-Kreises gewählt - seit 4. August im Amt, 2023 am 8. Mai wiedergewählt. Ab dem 8. August beginnt die zweite Amtszeit. red