Frau Dr. Schuster, vor einem Vierteljahrhundert hat die Olgäle-Stiftung ihre Arbeit aufgenommen. Was waren in Ihren Augen die Meilensteine? Dr. Stefanie Schuster: Zunächst haben wir im alten Olgäle sehr viele triste Wartebreiche freundlich hergerichtet, um eine kindgerechte Atmosphäre zu schaffen. Wir begannen die psychosoziale Betreuung zu verbessern durch Einstellung einer Psychologin für die Frühchenstation und Sozialpädagogen auf mehreren anderen Stationen, da es lediglich zwei Psychologen gab. Ein besonderer Meilenstein war für uns die Innengestaltung des Neubaus, der im Jahr 2014 bezogen wurde. Der Gemeinderat hatte sich auf Vorschlag meines Mannes entschlossen für Kinder und Frauen eine neue Klinik zu errichten, um endlich ein Mutter-Kind-Zentrum in Stuttgart zu ermöglichen.Ein Highlight ist die kindgerechte Gestaltung des Olgahospitals mit bunten Tieren als Wegeleitsystem. Wie entstand die Idee?Dr. Stefanie Schuster: Nach Abschluss der Bauplanung habe ich nachgefragt, was für die Innengestaltung vorgesehen ist. Es gab keinerlei Pläne, woraufhin wir einen Gestaltungswettbewerb ausgelobt haben zusammen mit der Stadt, der Klinikverwaltung und den Ärzten. Uns war es wichtig, eine einheitliche Lösung für das ganze Haus zu finden, damit sich die Kinder wohlfühlen und es überall etwas Neues zu entdecken gibt. Gewonnen hat das Gestaltungsbüro Totems Communication, zusammen mit Prof. Andreas Hykade, dem „Vater“ unserer Tierzeichnungen. Das schöne Ergebnis kennen Sie: die große Arche der Hoffnung zum Warten, Spielen und Toben, davon ausgehend als Orientierungssystem sechs Tierpaare, die in die einzelnen Hausblocks, beziehungsweise Kontinenten, laufen und den Kindern den Weg zu ihren Stationen zeigen.
Und wie ging es dann im neuen Olgahospital weiter?
Dr. Stefanie Schuster: Wir konnten das Herzkatheterlabor upgraden. Das neue Gerät hat eine 50 Prozent geringere Strahlenbelastung, sodass kein langfristig erhöhtes Krebsrisiko besteht, falls häufige Untersuchungen notwendig sind. Auch konnten wir die Möglichkeit schaffen, dass den Kindern mit zwei Kernspintomographen, davon ein sehr schnell arbeitender, lange Wartezeiten und auch Narkosen teilweise erspart werden. Um Kindern mit Gehstörungen zu besseren Operationsergebnissen zu verhelfen, haben wir ein videogestütztes Ganglabor eingerichtet. Wir konnten außerdem wieder einen Abschiedsraum und Aufenthaltsraum für die Angehörigen und Geschwisterkinder sowie einen muslimischen Waschraum ermöglichen. Zudem haben wir die Pflegerische Elternberatung eingerichtet, die unerfahrene Eltern bei allen Fragen ums Baby kostenlos berät. Als Highlight empfinde ich auch, dass wir zumindest vor Corona 80 Ehrenamtliche hatten, die die Kinder am Bett besuchen, wenn die Eltern keine Zeit haben, die unsere Bücherei betreuen oder mit Kindern basteln, wenn lange Wartezeiten bestehen.
Zum Thema Tiere gibt es auch ein weiteres besonderes Angebot für die Patienten: Die Reittherapie. Berichten Sie uns bitte davon.
Dr. Stefanie Schuster: In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es einen Pfleger, der auf eigene Initiative hin mit einer Reittherapie oben auf den Fildern begonnen hat. Auf Dauer war dies aber finanziell mit den speziell geschulten Pferden für ihn nicht möglich. Er fragte uns, ob wir dieses besondere Therapieangebot unterstützen wollten. Er vermittelt den Kindern, die an Autismus, Depressionen oder Angststörungen leiden, einen besonderen Zugang zu diesen großen Tieren, eine Mischung aus Respekt, Zuneigung und Fürsorge für das Pferd. Auf dem warmen Pferderücken haben sie die Möglichkeit, Vertrauen und ein positives Lebensgefühl zu erfahren, Ängste und Kommunikationsstörungen abzubauen und Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Nicht nur die kleinen Patienten hat die Stiftung im Blick, auch die Ärzte und Pfleger. Inwiefern?
Dr. Stefanie Schuster: Wir stellen den Ärzten und Pflegekräften einen bestimmten Etat an Fortbildungsgeldern zur Verfügung, zum Beispiel gab es schon einige Fortbildungen für die Pflegekräfte der neu eingerichteten psychosomatischen Station, die Kinder mit chronischen Schmerzen behandeln. Oder Ausbildungen für Schwestern in der postoperativen Schmerzbehandlung. Wir haben außerdem mitgeholfen das Ausbildungszentrum STUPS, den Stuttgarter Patientensimulator, aufzubauen, an dem die Fachkräfte alle Notfälle im Team trainieren können.
Als Sie die Aufgabe der Präsidentin übernommen haben, hätten Sie sich träumen lassen, dass das Ganze so lang und intensiv Ihr Leben bestimmt?
Dr. Stefanie Schuster: Nie im Leben bin ich als Gründerin auf die Idee gekommen, dass ich so lange aktiv sein werde. Ich hatte eigentlich gedacht, wir schaffen es in zehn Jahren die Missstände zu beseitigen. Leider hat das Olgäle die ganzen 25 Jahre rote Zahlen geschrieben. Es ist im Laufe der Jahre eher schwieriger geworden. In der Zwischenzeit ist auch allgemein bekannt, dass alle deutschen Kinderkliniken jedes Jahr an einem großen Defizit leiden. Die Leistungen der Kinderkrankenhäuser werden aufgrund des Systems der Fallpauschalen von den Krankenkassen nicht ausreichend finanziert. Insofern hoffe ich sehr, dass die Landespolitik endlich unser Klinikum mit dem Status einer Universitätsklinik auszeichnet. Dies würde eine deutlich bessere Finanzierung garantieren.
Schauen wir in die Zukunft: Welche Projekte stehen in den nächsten Jahren auf der Agenda der Stiftung?
Dr. Stefanie Schuster: Wir haben jedes Jahr im Frühjahr ein Treffen mit allen Leitenden Ärzten und der Pflegedienstleitung des Olgahospitals, bei dem wir eine lange Liste bekommen, welche medizinischen Geräte, welche Personalstellen, welche Ausstattung benötigt wird, was das Krankenhaus nicht selbst finanzieren kann. Es gibt stets neue Notwendigkeiten. Deshalb sind die kranken Kinder im Olgahospital auch in Zukunft auf Spenden und die Unterstützung von Ehrenamtlichen angewiesen.
Das Gespräch führte Barbara Wiesenhütter.